Interessen- und Arbeitsgemeinschaft Weltkrieg 1914-1918 (AGW14-18)

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Formationsgeschichte - Rekrutierung

I. Rekrutierung

Das deutsche Rekrutierungssystem des Ersten Weltkrieges war recht komplex und ist bis heute noch Ursache zu größeren Mißverständnissen. Diese beruhen größtenteils auf der Verschiedenartigkeit der Bezeichnungen und der komplizierten Einordnung einer Person in eine Dienstpflichtgruppe; so "aktiv", "Reserve", "Ersatz- Reserve", "Landwehr 1 und 2. Aufgebotes" und "Landsturm". Im folgenden wollen wir versuchen dieses System zu erläutern.

                                                                        Die Korpsbereiche des deutschen Reiches 1914

1.Mannschaften und Unteroffiziere

a) Der Dienstantritt

Grundsätzlich war jeder Deutsche vom vollendeten 17. bis zum vollendeten 45. Lebensjahr wehrpflichtig. Das "militärpflichtige" Alter begann mit dem 20. Lebensjahr und implizierte eine grundsätzliche Meldepflicht des Wehrpflichtigen bei seiner Ortsbehörde (Kommunalverwaltung, wohl vergleichbar mit dem heutigen Einwohnermeldeamt) zwischen dem 15. Januar und dem 1.Februar des zutreffenden Jahres. Hier wurde man dann in die Rekrutierungsstammrolle seines Heimatortes eingetragen, was aber noch nicht bedeutete, daß man definitiv auch zum Militärdienst angenommen wurde. Fehlte eine verbindliche Rückbestätigung (in Form der Bekanntgabe des Musterungstermins) durch die Ortsbehörde, mußte die Meldung jedes Jahr von neuem vollzogen werden (maximal 3 Jahre, dann Zwangseinteilung in eine andere Dienstpflichtgruppe als die „aktive“). Letztes Lebensjahr, in dem man zum Dienst herangezogen werden konnte, war das 39.

Über die Verwendung beziehungsweise Zurückstellung oder Ausmusterung des Wehrpflichtigen hatten die Ersatzbehörden der Ersatzbezirke zu entscheiden. Das Reichsgebiet war in 24 solcher Ersatzbezirke (das Gardekorps und die Marine hatten keinen), die mit der Verteilung der Korpsbezirke identisch war, eingeteilt. Innerhalb dieser Bezirke gab es kleinere Brigade- Bezirke der Infanterie und der Landwehr sowie allgemeine Aushebungsbezirke in Größe der Kreise, beziehungsweise kleine Musterungsbezirke[1]. In den letzteren arbeiteten als 1. Instanz  der Ersatzbehörden die Ersatzkommissionen, in den Infanterie- Brigade- Bezirken die Ober- Ersatzkommissionen als 2. Instanz und in den Korpsbereichen die Ersatzbehörden 3. Instanz. Eine 4. und somit höchste Instanz für die Ersatzfrage bildete in Preußen, Bayern, Sachsen und Württemberg die Ministerialinstanz. Neben diesen Behörden, die im Normalfall zuständig waren, existierten gesonderte Prüfungskommissionen für die Einjährig- Freiwilligen, auf die wir später noch zu sprechen kommen werden.

Im Fall der Zulassung eines Wehrpflichtigen zur Prüfung vor der Ersatzkommission, waren hier grundlegend drei Musterungsqualifikationen ausschlaggebend.

Erstens die physische, zweitens die psychische Tauglichkeit sowie drittens, die Klärung jedweder Reklamationsansprüche. Diese bestanden, falls ein Wehrpflichtiger aus irgendeinem Grund Anspruch auf eine Zurückstellung oder sogar Ausmusterung hatte. Letztendlich wurde im Rahmen der Ersatzkommission noch ausgelost, wer von den  dauernd viel zu zahlreich vorhandenen tauglichen Wehrpflichtigen nun zum Dienst herangezogen werden sollte, und wer durch „hohe Losnummer“ vom aktiven Dienst befreit sein würde. Nach Abschluß der Musterung erhielten dann alle Betreffenden ihren Losungsschein, der von nun an, für die Dauer ihrer Dienstzeit, als Ausweis galt.

Die letztendliche Entscheidung, zu welchem Truppenteil der Wehrpflichtige überstellt wurde, trafen die Ober- Ersatzkommissionen. Hierbei spielten die bei den Ersatzkommissionen ermittelten Personaldaten eine ausschlaggebende Rolle. Faktoren waren hierbei zum Beispiel die Körpergröße, „Muskelkraft“, „geistige Begabung“, „Gewandtheit“ und „technisches Verständnis“. Hier ein paar Beispiele für die Vorraussetzungen zu Überstellung eines Wehrpflichtigen in eine Waffengattung:

 

Garde

Untadelhafte Führung, Mindestgröße 1.70m,

geistige und körperliche Begabung

Garde- Husaren

Dito, Mindestgröße 1.67 m

Infanterie

Körperliche Belastbarkeit, mindestens 1.54m

Jäger und Schützen

Dito, 1.54m bis maximal 1.75m Körpergröße

Kavallerie und reitende Artillerie

Gute Anlagen zum Umgang mit Pferden, nicht zu großes Körpergewicht, Größe zwischen 1.57m (Husaren) und maximal 1.75m

Train

Muskelkraft und Begabung im Umgang mit Pferden, gute Führung und geistige Begabung, Größe 1.57m bis 1.75m

Artillerie

Befähigung zur Bedienung der Geschütze durch Kraft und sonstige körperliche Beschaffenheit. Größe zwischen 1.62 bis 1.75m. Bei der Fußartillerie mindestens 1.67m

Pioniere

Eignung zu anstrengender Arbeit im Freien, besondere berufliche Vorraussetzungen. Körpergröße mindestens 1.57m

Eisenbahntruppen

Dito, zusätzlich: die Fähigkeit zur Unterscheidung der Farben Rot, Grün und Weiß.

Jäger zu Pferde

Auswahl aus den besten der Kavallerie

 

Wie wir aus den Schilderungen des „Freiwilligenansturms“ im den ersten August Wochen 1914 wissen, konnte dieses Friedenssystem nicht mehr durchgesetzt werden. Statt dessen entschieden die einzelnen Truppenkörper, oft recht willkürlich, über Annahme der Soldaten. Im späteren Kriegsverlauf nach Abklingen der allgemeinen Kriegseuphorie, wurde aber wieder weitgehend auf das alte System zurückgegriffen.

 

b) Ausnahmeregelungen

Wie wir oben schon erwähnt haben, gab es eine Reihe von Exemptionen, die insgesamt, die eingeschränkte Zuteilungsmöglichkeit der Masse von Wehrpflichtigen an die wenigen Truppenkörper unterstützend, dazu beitrugen, daß die prozentuale Nutzung der Personalressourcen des deutschen Reichheeres 47% (s.u.) nicht überschritt. Diese, nicht zum Wehrdienst herangezogenen Wehrpflichtigen, Restanten genannt, wurden nach ihrer Vorstellung bei der jeweiligen Ersatzkommission entweder vollständig ausgemustert (etwa 5-6 % der jährlich gemusterten[2]), oder in eine der Kategorien Ersatzreserve, Landwehr, Landsturm eingestellt, oder bis auf weiteres den Restanten zugeteilt. Zurückstellungen erfolgten grundsätzlich nur als Ausnahme aufgrund zwingender materieller Gründe, physischer Untauglichkeit, oder, wie oben bereits erwähnt, aufgrund einer zu großen Anzahl von Wehrpflichtigen für die begrenzten Stellen (Auswahlverfahren durch Losentscheid). Außerdem waren alle Personen, die als „wehrunwürdig“ (Vorstrafen, Gefängnisstrafen) kategorisiert wurden vom Militärdienst ausgeschlossen. Hiervon Betroffen waren zwischen 1911 und 1913 durchschnittlich ganze 888 Personen.

 

c) Die verschiedenen Dienstpflichten

War der Wehrpflichtige gemustert und hatte er nun den Bescheid der Ober- Ersatzkommission mit Angabe seines Diensttruppenteils bekommen, so begann seine aktive Dienstpflicht mit dem 1. Oktober des zutreffenden Jahres. Diese konnte in den unterschiedlichen Waffengattungen verschieden lang dauern: bei der Kavallerie und reitenden Artillerie 3, bei den Trains 1-2 und bei allen anderen Waffengattungen 2 Jahre.

Nach Ableistung dieser Zeit bei einem Truppenteil wurde der Entlassene in die Reserve übernommen. Hier verblieb er solange, bis zusammen mit der aktiven Dienstzeit 7 Jahre Dienst abgeleistet waren. Da die Reservisten nun ihren zivilen Professionen nachgehen konnten/ mußten, beschränkte sich der Dienst der Reservisten auf Teilnahme an verschiedenen Kontrollversammlungen und an zwei Übungen mit bis zu je acht Wochen Dauer. Sollte ein Wehrpflichtiger mit 20 Jahren seinen aktiven Dienst bei der Infanterie begonnen haben, war er bei der Überstellung von der Reserve- in die Landwehrpflicht 27 Jahre und wurde in die Landwehr 1. Aufgebots aufgenommen, in der er als ehemaliger aktiver Soldat mit zwei Dienstjahren 5 Jahre verblieb. Alle ehemaligen Aktiven mit drei Dienstjahren verblieben nur 3 Jahre im 1. Aufgebot. Abgeleistet werden mußten auch hier die Kontrollversammlungen sowie zwei 8-14 tägige Übungen. Bis zum 39. Lebensjahr verblieb man in der Landwehr 2. Aufgebots, welche von Übungen frei war.

Die Landsturmpflicht galt für alle Männer vom 17.- 45 Lebensjahr, welche nicht aktiv gedient hatten und nicht der Reserve, Landwehr und Ersatz- Reserve angehörten. Zwar war dieser Dienst frei von besonderen Verpflichtungen wie Übungen, doch durfte man auch hier mit einer Verwendung im Kriegsfall rechnen, und die Zeit der Verpflichtung dauerte generell bis zum erreichen des 45. Lebensjahres. Alle Wehrpflichtigen mit "hoher Losnummer" (siehe oben), zeitweise Zurückgestellte und mit nur geringen körperlichen Fehlern behaftete Personen waren nicht Teil des Landsturms, sondern der Ersatz- Reserve. Aber auch hier war mehr Andrang zu verzeichnen, als beim Heer Möglichkeiten zur Einstellung vorhanden waren. Generell waren diese Mannschaften von Übungen im Frieden befreit, doch zum schnellen Personalersatz des Heeres im Kriegsfall bestimmt- vielleicht liegt hier auch eine Erklärung für die schlechteren Bewertungen, die die Ersatzdivisionen des Krieges von ihren Gegnern erfuhren[3]? Die Dienstpflicht in der Ersatz- Reserve dauerte 12 Jahre, wobei die Ausscheidenden zumeist gleich in den Landsturm überwiesen wurden.

Insgesamt stellt sich die Verteilung der Wehrpflichtigen auf die verschiedenen Dienstpflichten 1911 bis 1913 folgendermaßen dar[4]:

 

1911

Anzahl

Landsturm

Ers.-Reserve

Aktiv

Wehrdienst[5]

Restanten

20 Jahre

563.024

16.680

6.141

106.249

 

 

21

367.688

13.925

4.817

53.185

 

 

22

298.098

102.821

77.486

62.510

 

 

<20/>22

51.574

8.881

3.699

1.981

 

 

Gesamt

1.271.384

142.307

92.143

223.925

565.520

705.864

 

 

 

 

 

 

 

1912

 

 

 

 

 

 

20 Jahre

557.608

15.022

5.969

112.624

 

 

21

385.163

12.366

4.621

57.757

 

 

22

294.825

101.475

73.243

67.261

 

 

<20/>22

52.272

9.039

3.837

2.075

 

 

Gesamt

1.289.868

137.922

87.911

239.717

572.168

717.700

 

 

 

 

 

 

 

1913

 

 

 

 

 

 

20 Jahre

587.888

12.825

5.521

125.001

 

 

21

380.331

10.371

4.439

80.767

 

 

22

305.619

87.189

73.064

97.371

 

 

<20/>22

54.181

7.915

3.887

2.536

 

 

Gesamt

1.328.019

118.300

86.911

305.675

622.360

705.659

 

Der Anteil der Restanten betrug demnach 1911 55,5%, 1912 55,1% und 1913 53% aller Wehrpflichtigen Personen, die bei den Ersatzkommissionen vorstellig wurden (Freiwillige Meldungen eingeschlossen). Der Prozentsatz der militärisch volltauglichen Restanten lag 1911 bei 53,4%, 1912 bei 55,5% und 1913 bei sogar 63,6 %- hinzu kommen noch 30- 40% künftig- oder mindertaugliche Personen. Für Frankreich ist belegt, dass über 80%[6] der Wehrpflichtigen zum Militärdienst herangezogen wurden.

Tatsächlich ist selbst diese Darstellung etwas verfälschend, da bei den tatsächlich Wehrdienst leistenden Personen zwischen denen mit militärischer Ausbildung, also den Aktiven (= Dienst an der Waffe!), und denen ohne praktische militärische Ausbildung (lediglich Kontrollversammlungen usw.) unterschieden werden muß. Demnach würde der Anteil, der an Waffen ausgebildeten Personen der Jahrgänge durchschnittlich nur 19,7 % betragen.

Der Anteil der Kapitulanten betrug 1911 8457, 1912 8930 und 1913 9536 Mann.

 

d) Freiwilliger Dienst

In dieser Kategorie ist zwischen zwei grundlegend verschiedenen Arten des freiwilligen Dienstes zu unterscheiden. Zum einen, das freiwillige Längerdienen (Kapitulation; entspricht in etwa dem heutigen Dienst als Soldat auf Zeit), zum anderen der Dienst als Einjährig- Freiwilliger (real „Mehrjährig-„ Freiwilliger, 1-3 Dienstjahre). 1912 gab es etwa 64.000 freiwillige Meldungen beider Kategorien, was die Attraktivität dieses Angebots illustrieren kann.

Längerdienen mit zwei-, drei- oder vierjähriger freiwilliger aktiver Dienstzeit war durchaus ohne größere Probleme möglich. Notwendig für die Annahme als Freiwilliger mit längerer Dienstdauer war die Zuteilung eines Meldescheins durch die zuständige Ersatzkommission. Hierbei konnten ebenso minderjährige Bewerber (ab 17. Lebensjahr, dann aber mit Einverständnis des Vaters oder Vormundes), als auch bereits im wehrpflichtigen Alter befindliche Personen zugelassen werden. Allgemeine Voraussetzung war allerdings ein tadelloses Führungszeugnis und der Nachweis, daß die Familie des Bewerbers ohne dessen Hilfe auskommen und ihn entbehren könne. Eine solche freiwillige Meldung, durch den Meldeschein, eben verbunden mit dem Gesuch um einen nahen Musterungstermin, bedingte dann aber auch das Verzicht des Bewerbers auf die Auslosung- einen Rückweg gab es also nicht, da man nun definitiv zum Wehrdienst gezogen werden würde, körperliche Tauglichkeit natürlich vorausgesetzt. Auf der anderen Seite ergab sich der vielleicht für manchen besonders attraktive Umstand, sich seinen Truppenteil nun selbst wählen zu dürfen, gab es keinerlei körperliche Einschränkungen ( bspw. Körpergröße, s.o.). Diese körperliche Eignung wurde nun von demjenigen Truppenteil überprüft, an den ein Bewerber mit dem ausgestellten Meldeschein herantrat. Der jeweilige Kommandeur hatte nun noch zu entscheiden, ob er den Freiwilligen aufnehmen wollte oder nicht. Verlief die Einstellungsmusterung bei der Truppe positiv, wurde ein Aufnahmeschein ausgestellt, der dem Bewerber die Garantie auf bald mögliche Einstellung gab- war diese nicht sofort gewährleistet, konnte der Bewerber bis zur Einstellung beurlaubt werden. Aus diesen freiwillig längerdienenden Mannschaften, deren Dienstzeitdauer bis auf vier Jahre verlängert werden konnte, wurde ein Großteil der Unteroffiziere ergänzt.

Der Einjährig- Freiwillige Dienst war eine besondere Möglichkeit mit recht kurzer, eben minimal einjähriger Dienstzeit, dem Militärdienst auf besonders feine Art und Weise zu genügen. Ein Nachteil, oder eben eine besondere Vergünstigung, wie man das auch sehen will, war die Notwendigkeit für die Einjährig- Freiwilligen, ihre Ausrüstung selbst bezahlen zu müssen. Da man sich leicht denken kann, daß dies nicht für alle Teile der Gesellschaft möglich gewesen ist, ist deutlich, daß es sich um eine Dienstpflicht für eine fast exklusive Schicht der Gesellschaft handelte. Demnach kann es kaum verwundern, wenn in diesen Positionen durchweg Nachkommen vermögender Bürgerlicher zu finden waren. Die finanzielle Beanspruchung ergab sich aus Kosten für die Leihweise Überlassung der Ausrüstung, Kosten für Unterkunft und Verpflegung sowie Extrazulagen, horrende Summen, für diejenigen Freiwilligen berittener Truppenteile. Für die Benutzung eines Dienstpferdes beispielsweise 400RM, für die Ration des Pferdes zwischen 350 und 400 RM zusätzlich. Aus einem Einladungsschreiben zum Einjährig- Freiwilligen Dienst des Fu.AR. 20 von 1913 wurden die Gesamtkosten dementsprechend mit 600- 800RM beziffert (s.u.)[7].

Vom praktischen Standpunkt aus war der Eintritt als Einjährig- Freiwilliger in eine Truppe fast ebenso organisiert, wie der, der anderen Freiwilligen. Hier war allerdings nicht der Meldeschein, sondern ein Berechtigungsschein ausschlaggebend. Um diesen zu erlangen mußte der Bewerber bei seiner zuständigen Prüfungskommission für Einjährig- Freiwillige vorstellig werden, was ab dem vollendeten 17. Lebensjahr möglich war. Hier galt es nun, neben den normal üblichen Formalien (z.B. Geburtsurkunde und Führungszeugnis), einen Beleg für höhere Schulbildung anzubringen.

 

Lauenburgisches Fußartillerie- Regiment Nr. 20

No. 1688./13.I.                                                                       Schpl. Thorn, den 10. August 1913

 

Herrn Bautechniker Emil Hatje.

Wedel i/H

b.d. Doppeleiche 4

 

Auf Ihr Schreiben vom 6. August teilt Ihnen das Regiment mit, daß die Einjährig Freiwilligen der Fußartillerie

vom 1.10. 1913 ab als Berittene eingestellt werden. Die Bedingungen für die Berittenmachung der Einjährig-

Freiwilligen der Fußartillerie sind die gleichen wie für die Einjährig- Freiwilligen der Feldartillerie.

(etwa 600- 800 Mark Mehrkosten jährlich). Sollten  Sie unter diesen Bedingungen einzutreten beabsichtigen,

so wird Ihnen anheim gestellt, sich an einem Mittwoch oder Sonnabend vormittags auf dem Geschäftszimmer

des I. Bataillons im Lockstedter Lager unter Vorlage Ihres Berechtigungsscheins zum einjährig freiwilligen

Dienste und der erforderlichen Führungszeugnisse zur ärztlichen Untersuchung einzufinden.

 

 

Sollte dieser fehlen, war ein Gesuch um Zulassung zu einer Prüfung (s.u.) einzureichen. Grundsätzlich ist also der Wunsch festzustellen, für die Zulassung als Einjährig- Freiwilliger eine "wissenschaftliche Befähigung" des Bewerbers zu fordern- neben dem finanziellen Aspekt und der körperlichen Tauglichkeit also die dritte Grundvoraussetzung. Als Beleg für diese Befähigung wurden alle Zeugnisse von Schulen und Instituten zugelassen, die vom Reichskanzler ermächtigt waren, eine solche Befähigung zu belegen. Als Beispiele sollen hier Zeugnisse von Gymnasien („10.Klasse“ aufwärts) und von Hochschulen genügen. Die Prüfung, der sich Bewerber zu unterziehen hatten, die oben genannte Nachweise nicht erbringen konnten, gliederte sich in einen sprachlichen Teil mit Prüfung in zwei Fremdsprachen und einen wissenschaftlichen Teil mit Prüfung in Mathematik, Literatur, Physik, Geschichte und Geographie.


Berechtigungsschein   Wissenschaftliche Befähigung

 

Nach bestandener Prüfung war die Einstellung des Bewerbers bei einem Truppenteil seiner Wahl (Ausnahmen gab es in größeren Standorten und bei der Artillerie) möglich. Die besondere Bedeutung dieser Laufbahngruppe lag vor allem in seiner Basis als Ersatzreservoir zur Ergänzung der Unteroffiziere und Offiziere der Reserve, beziehungsweise der Landwehr.

Waren die eingestellten Einjährig- Freiwilligen für diese Zwecke in den Augen ihrer Vorgesetzten geeignet, wurde ab dem 4. Dienstmonat mit einer besonderen Ausbildung begonnen. Alle zu Unteroffizieren geeigneten Personen, konnten nach 9 Monatiger Dienstzeit zu überzähligen Unteroffizieren befördert werden und gingen nach aktivem Dienst als solche in die Reserve über. Alle die, welche zu Offizieren geeignet erschienen und die spezielle Ausbildung mit Erfolg bewältigt hatten, mußten sich am Ende ihres Dienstjahres zu einer Prüfung melden. Bei Bestehen wurden die Bewerber dann als Unteroffiziere der Reserve entlassen und konnten nach Ableistung von zwei achtwöchigen Übungen zu Reserveoffizieren befördert werden. Hierbei war eine Wahl durch das Offizierkorps der Einheit genauso wichtig, wie die Einverständnis des Kommandeurs und der Vorschlag des Bezirkskommandos.

Ein generelles Anrecht auf einen Beförderungszeitplan o.ä. gab es hier nicht, ebenso bei den Kapitulanten nicht. Von einer Laufbahn zu sprechen, ist also grundsätzlich bedenklich.

Besondere, vielmehr an wirklichen „Laufbahnen“ orientierte Bestimmungen gab es für den Sanitäts- und Veterinärdienst, Spielleute der Musikkorps (nicht denen in den Kompanien/Batterien/Eskadronen), im Fortifikations- und Zeugwesen, der Heeresverwaltung und den sonstigen Spezial- und Sonderdiensten des Heeres (vor allem auch innerhalb der Verkehrsabteilung A7V)[8].

 

e) Rekrutierung der Unteroffiziere

Wie gerade gezeigt, stammte ein großer Teil der Unteroffiziere aus der Gruppe der freiwillig (-längerdienenden) Mannschaften (Gefreiten). Es gab die Möglichkeit, falls an einen herangetreten wurde, als Kapitulant mit erhöhtem Sold und begrenzter Weiterverpflichtung, auf die Beförderung zum Unteroffizier hinzuarbeiten. Dies war bei ausgewählten aktiven Mannschaften des öfteren der Fall, wurde „Begabung und gute Veranlagung“ attestiert. Dies ist nicht zuletzt in Militärpapieren deutlich zu erkennen, da oftmals die „Befähigung zum ...“ dort eingetragen ist, wenn die betreffende Person diese „Chance“ auch niemals in Anspruch nahm.

Daneben gab es das traditionelle System der Unteroffizierschulen, die für einen homogenen Ersatz sorgen konnten und aus deren Schülern jedes Jahr eine größere Anzahl Abgänger in den aktiven Dienst übernommen werden konnten.

Der Eintritt in die Unteroffizierschulen war ab dem 15. Lebensjahr möglich und umfaßte eine grundlegende, natürlich auf militärische Befähigung zielende, aber auch  allgemein-schulische Ausbildung der Zöglinge. Der Aufenthalt in einer Unteroffizierschule dauerte in der Regel 3 Jahre und war mit der Verpflichtung des Freiwilligen verbunden, nach seinem Antritt im aktiven Dienst mindestens noch weitere 4 Jahre zu dienen. Unteroffizierschulen gab es in Marienwerder (XVII[9]), Nordheim (X), Potsdam (Garde), Treptow (II), Weißenfels (IV), Wetzlar (XVIII), Fürstenfeldbruck (Bayern) und Marienberg (Sachsen).

Neben diesen Unteroffizierschulen existierten noch die Unteroffiziervorschulen, die ohne weitere Verpflichtung, aber dafür sehr kostenaufwendig, Schulabgänger bis zum Antritt des aktiven Dienstes auf die Laufbahn der Unteroffiziere vorbereiten wollten. Eintritt war hier mit dem Erreichen des 14 ½ Lebensjahres unter Einverständnis des Vaters oder Vormunds möglich, wobei in der Regel 2 Jahre ausgebildet wurde. Für die Zulassung in beiden Schultypen waren die üblichen Formalitäten zu klären, außerdem, falls zutreffend, ein Beleg für dem Empfang der ersten Kommunion, beziehungsweise die Konfirmation zu erbringen und eine ärztliche Untersuchung durchzuführen.

Unteroffiziervorschulen existierten in Frankenstein (VI[10]), Annaburg (IV), Bartenstein (I), Jülich (VIII), Mölln (IX), Sigmaringen (XIV), Weilburg (XVIII), Wohlau (VI) und Marienberg (Sachsen).

Insgesamt wurden zwischen 1914 und 1918 wohl 4800[11] Unteroffizierschüler in die Armee übernommen.

Während des Krieges herrschte dennoch große Nachfrage nach brauchbaren Unteroffizieren, während die Möglichkeit, diese aus den Unteroffiziers(vor)schulen oder langgedienten und verdienten Mannschaften zu befriedigen, immer mehr abnahm.  Besonders die langjährige Erfahrung und der Wissensstand verantwortlicher Vorgesetzter für die Auswahl des Ersatzes nahm ab[12]. Um diese Probleme zu lösen und für schnellen Ersatz zu sorgen, ging man zur Auswahl von tauglichen, fähigen Mannschaften aus der Truppe (eben auch an der Front!) heraus über. Die in Frage kommenden Mannschaften wurden somit von der Truppe weg, auf die örtlichen Unteroffizier- Lehr- Kurse der Armeen gesandt. Wenn der Ausbildungsstand in einigen Teilbereichen der militärischen Disziplinen nach dem Muster der Friedenszeit nicht erhalten werden konnte, wurden jetzt immerhin bereits im "Feuer bewährte" Soldaten zu Unterführern gemacht. Für die altgedienten Unteroffiziere im Rang eines Feldwebel oder auch Vizefeldwebel ( gerade auch d.R. und a.D.) wurde aus Mangel an anderweitig verfügbaren Subalternoffizieren die Möglichkeit geschaffen, zu Feldwebelleutnants befördert zu werden (Siehe hierzu Kapitel II. Beförderung). Wie die Bezeichnung schon erahnen läßt, ein Dienstgrad, der eine Kreuzung zwischen Unteroffizier und Offizier darstellt. Die Dienstzeit der Unteroffiziere endete normalerweise nach 12 Jahren. Gelang es dem Betreffenden diese Zeit ohne Beanstandung hinter sich zu bringen und einen bürgerlichen Beruf oder Beamtenstatus zu erlangen, wurde ihm eine einmalige Dienstprämie von 1000 RM gewährt.

 

2.Offiziere

 

Die Ergänzung der Offiziere erfolgte, ähnlich wie bei den Unteroffizieren auf zwei verschiedene Arten. Zum einen durch Freiwillige, die auf Beförderung zum Offizier Soldat wurden, zum anderen aus den Absolventen der Kadettenanstalten.

Erstere konnten als Fahnenjunker (Offizier- Aspiranten) in die Armee eintreten, wenn sie die grundlegenden Befähigungen nachweisen konnten. Abgesehen von körperlicher Leistungsfähigkeit, waren dies besonders der Nachweis des Abiturzeugnisses, oder des Zeugnisses einer vergleichbaren Institution sowie die Ablegung einer "Fähnrichsprüfung" vor der Ober- Examinations- Kommission in Berlin. Zusätzlich wurde noch auf den "guten Ruf des Bewerbers" und seiner Familie wert gelegt (eine der zentralen Kategorien des deutschen Ersatzgeschäftes, ging es um Beförderungen).

Die Einstellung in die Truppe wurde durch die jeweiligen Kommandeure der Einheiten bestätigt. Nach etwa einem halben Jahr Ausbildung wurde der Aspirant zum Fähnrich befördert. Weiter sechs Monate nach dieser Beförderung und jetzt bereits auf der Kriegsschule befindlich, mußten die Fähnriche die entscheidende Prüfung absolvieren: die Offizierprüfung wurde wiederum von der Ober- Examinations- Kommission vorgenommen und erstreckte sich im Wesentlichen auf militär- wissenschaftliche Fragen. Nach erfolgreicher Prüfung und einem günstigen Zeugnis konnte man damit rechnen, durch das Offizierkorps seines Truppenteils als „würdig“ erachtet zu werden (Offizierwahl) und zum nächst möglichen Termin zum Leutnant befördert zu werden. Der Besuch der Kriegsschule war grundsätzlich immer Vorbedingung zur Zulassung zur Offizierprüfung, dennoch gab es auch hier Ausnahmen. So konnten alle Anwärter, die „im Besitz eines vollgültigen Abiturienten- Zeugnisses- mindestens ein Jahr auf einer deutschen Universität, technischen Hochschule, Berg- oder Forst- Akademie studiert haben, ... ohne Besuch der Kriegsschule zur Offiziers- Prüfung zugelassen werden“[13]. Quantifizieren läßt sich die Nutzung dieses Weges scheinbar aber nicht. Die Dauer des Lehrganges auf der Kriegsschule dauerte bis 1913 35, dann nur noch 28 Wochen.

 

                                             Kriegsschulen und Zahl der Schüler 1914[14]:

Anklam

96

Hannover

120

Kassel

70

Hersfeld

92

Danzig

108

Metz

120

Engers

100

Neiße

104

Glogau

100

Potsdam

100

 

Ganz ähnlich war die Lage bei den ehemaligen Zöglingen der Hauptkadettenanstalt in Berlin Lichterfelde. Nur war hier bereits die Fähnrichsprüfung im Rahmen der dortigen Ausbildung zu bestehen, und die Absolventen konnten als "charakterisierte Fähnriche" ihren Dienst in der Truppe beginnen. Zudem bot man den Kadetten, die sich besonders hervorgetan hatten, eine weitere Vergünstigung. So war es als Auszeichnung möglich, die "Unterprima, Oberprima oder Selekta", die als eine Art Kriegsschule –„Sonderklassen für kriegsschulmäßige Ausbildung“- fungierten, zu absolvieren, was die Einstellung als vollwertigen Fähnrich in einen Truppenteil bedingen konnte und von dem späteren Besuch der Kriegsschule befreite. Die Absolventen der "Selekta", den Auserwählten, war es sogar möglich, bereits auf der Kadettenanstalt die Offizierprüfung abzulegen und demnach als Leutnants in die Truppe eingestellt zu werden. Die Gesamtzahl der Zöglinge der Vor- Kadettenanstalten belief sich 1914 auf 1690. Die Haupt- Kadettenanstalt Berlin- Lichterfelde umfaßte 1000 Kadetten. Generell sollte es aber auch möglich bleiben, daß alle befähigten Mannschaften auch noch nachträglich auf Beförderung zum Offizier dienen können sollten. Ebenso wurde in Vorkriegsbestimmungen Wert darauf gelegt, darauf hinzuweisen, daß für den Kriegsfall Beförderungen zum aktiven Leutnant aufgrund bewiesener Eignung (Auszeichnung vor dem Feind) vorgenommen werden können sollten. Publizierte, absolute Zahlen hierfür fehlen, doch ist die Zahl der wegen außerordentlicher Tapferkeit zum aktiven Offizier beförderten Unteroffiziere etwa mit 210[15] anzunehmen. Nimmt man zum Vergleich allein die Zahl der Unteroffiziere des Friedensheeres 1913/14, nämlich 107.794, wird die geringe Tragweite dieser Vorschrift sehr deutlich.  Der Friedensstand des Offizierkorps betrug zu diesem Zeitpunkt 30.259 aktive Offiziere[16]. 

 

Zur Illustration der sozialen Herkunft des Offizierkorps seien an dieser Stelle einige Auszüge aus der „Handprüfungsliste in Gruppeneinteilung zur Offizier- Prüfung der Kriegsschule Kassel“ vom Juni 1908 gegeben[17].

An der Prüfung nahmen insgesamt 65 Militärpersonen (Fähnriche) teil, von denen nur einer diese Prüfung nicht bestand. Der Notenspiegel zeigte 4x „sehr gut“, 13x „gut“, 23x „ziemlich gut“, 24x „genügend“ und 1x „nicht hinreichend“. Von den Prüflingen waren 24 Kadetten und 38 Gymnasial- Abiturienten und -Schüler, davon einer ohne „Reife“. Die Benotungen erfolgten in den Bereichen: Anlage, Fleiß, Führung sowie den Fächern: Taktik, Waffenlehre, Befestigungslehre, Feldkunde, Heerwesen, Militärschreibwesen, Planzeichnen und gegebenenfalls den Sprachen Französisch, Englisch und Russisch. Bei den Sprachen belegten 8 Prüflinge Französisch und 5 Russisch, der Rest Englisch. Die Benotung selbst fand mit Zensuren zwischen 1 und 10 statt, wobei weder kleinere Werte als 4, noch die 10, als Bestnote, vergeben wurden[18].

Der Klassenbeste (Nr.39) erhielt die Zensuren (nach obiger Auflistung): 7/ 7/ 9 /// 7-7-7-7-7-7-6 +Französisch 7. Der Klassenschlechteste (Nr.38): 5/ 4/ 5 /// 6-4-5-5-4-5-5.

 

Nr.

Truppe

Alter

Stand des Vaters

Vorbildung

Punktzahl

Bemerkungen

1

GrenR. 109

20,6

Major a.D. und Kammerherr

Kadett

124

Adelig

2

IR 152

20

Ltn. a.D.

Kadett

127

Adelig

3

FAR 74

20,9

Feuerwerks- Major

Gym.Abit.

143

 

4

IR 55

19,8

GenLt. z.D.

Kadett

124

Adelig

5

PioBtl. 20

20,4

Ministerialsekretär

Gym.Abit.

162

2. der Klasse

6

IR 57

20,10

Gym.- Professor

Gym. Schüler ohne Reife

118

 

7

DragR. 2

20,2

Rittm. a.D. und Rittergutsbesitzer

Gym.Abit.

142

Adelig

8

s.IR 104

22,3

Kaufmann

Gym.Abit.

129

 

9

FAR 33

19,3

Baurat

Kadett

135

 

10

s.FAR 12

20,4

Hauptmann (tot)

Gym.Abit.

151

 

11

IR 143

20,2

Arzt

Kadett

123

 

12

GFußaR.

19,2

GenLt. z.D.

Gym.Abit.

158

 

13

LGHusR. 2

19,5

Major im IR 130

Gym.Abit.

148

 

14

FR 36

19,7

Oberstleutnant im Kriegsministerium

Kadett

120

 

15

1.GR z.F.

19,5

GenLt. und Kdr. 38.ID

Gym.Abit.

145

Adelig

16

IR 68

21,4

Prokurist

Gym.Abit.

123

 

17

FAR 30

21,3

Weingutsbesitzer

Gym.Abit.

137

 

18

IR 17

20,6

Kaufmann

Kadett

125

 

19

2.GGrenR.

22,4

Amtsrat

Gym.Abit.

141

Adelig

20

s.PioBtl. 12

20,8

Rentner, früher Apotheker

Gym.Abit

136

 

21

FußaR. 10

21,1

Richter

Gym.Abit.

118

 

22

GrenR. 123

19,6

Oberförster

Kadett

122

 

 

 

 

 

 

 

 

38

IR 25

18,4

Leutnant a.D.

Kadett

101

Adelig; Durchgefallen

39

GFußaR.

22,1

Direktor einer Aktiengesellschaft

Gym.Abit.

167

Bester der Klasse.

 

Die Positionen 38 und 39 scheinen im Vergleich typisch für die Absolventen der Schule zu sein. Die jungen Kadetten scheinen generell schlechtere Noten bekommen zu haben, als ihre gymnasial vorgebildeten Kameraden. Erstaunlich ist ebenso, daß die Söhne höherer Militärs und Beamter eben nicht notgedrungen Zöglinge der Kadettenanstalten waren, während, eigentlich doch recht unerwartet, Söhne von Kaufleuten, Pfarrern und Förstern eben dort vorgebildet wurden. Von den 65 Prüflingen waren 14 adelig- was vielleicht noch einmal die Attraktivität des Offizierpatentes bei der bürgerlichen Schicht, oder als Sprungbrett in den Staatsdienst überhaupt, belegen kann.

In Hinsicht auf den Anteil der Adeligen innerhalb des Offizierkorps muß an dieser Stelle noch einiges gesagt werden. Der Charakter des Offizierkorps des deutschen Reichsheeres als aristokratisch geprägter, zumindest in seinen preußisch Teilen tradierter „Erster Stand im Staate“ findet seinen Niederschlag nicht im Verhältnis zwischen Adeligen und Nichtadeligen Offizieren. Damit ist natürlich erst einmal nichts über interne Strukturen, Normen, Werte, Handlungsrichtlinien oder Gebaren gesagt, doch scheint es durchaus von Bedeutung, daß die Mehrzahl der Offiziere nicht adelig waren: 1913 waren lediglich 30% aristokratischer Herkunft[19]. Tatsächlich war dieser Komplex, die grundsätzliche Frage nach der gesellschaftlichen Prägung des Offizierkorps, von ungemeiner Bedeutung für die Entscheidungsträger in Deutschland. Dies geht beispielsweise aus den Vorbehalten gegenüber den Heeresvermehrungen bzw. der notwendig werdenden Vermehrung der Offizierstellen im Heer hervor, findet bis 1918 seinen Niederschlag in Vorbehalten gegenüber der Beförderung von Unteroffizieren zu Offizieren und bedingt eine ganze Reihe restriktiver Optionen, denen sich das Offizierkorps nach Wunsch bedienen konnte, um mißliebige Aspiranten abzuweisen. Die real kaum definierten Kategorien des standesgemäßen Benehmens und Lebenswandels sowie die grundsätzliche Frage nach einer akzeptablen Herkunft[20] konnten dem Bewerber durchaus, zumindest bei der Offizierwahl, wenn nicht bereits im Dienst, große Steine in den Weg legen. Richtig ist, daß das Offizierkorps auf höherer Ebene (Obristen aufwärts; gilt besonders für die Generalität!) bis zum Ende des Kaiserreiches immer noch vom Adel dominiert wurde: 52% waren adelig, 48% bürgerlich, wobei noch etwa 4% der Bürgerlichen während ihrer Dienstzeit geadelt worden waren- demnach real: 56% : 44%.

 

 II. Beförderungen

 

         a) Offiziere

Generalität

Stabsoffiziere

Hauptleute

Subalternoffiziere

1.Generalfeldmarschall

2.Generaloberst i.R. eines GFM

3.Generaloberst

4.General der Inf./ Kav./ Art.

1.Oberst

   Generalstabsarzt (Württemberg)

   Generalarzt 1. und 2. Kl.

2.Oberstleutnant

1.Hauptmann

   Rittmeister

   Oberstabsarzt 2. Kl

   Stabsarzt

1.Oberleutnant

   Zeug- Oberleutnant

   Feuerwerks- Oberleutnant

   Oberarzt 

5.Generalleutnant

   Generalstabsarzt (Preußen)

   Generaloberarzt

3.Major

   Zeug- Hauptmann 

   Feuerwerks- Hauptmann

2.Leutnant 

   Assistenzarzt 

6.Generalmajor

   Generalarzt (Bayern)

   Generalärzte 1.Kl. [21]

   Oberstabsarzt 1. Kl.

  

   

   Zeug- Leutnant

   Feuerwerks- Leutnant

3.Feldwebel- Leutnant

   Feldhilfsarzt

   Feldhilfsveterinär

 

            b) Unteroffiziere

Im Range der Feldwebel

Im Range der Vize- Feldwebel

Im Range der Sergeanten

Im Range der Unteroffiziere

Offizier- Stellvertreter, Feldwebel, Wachtmeister,

Unterärzte, Einj.- Freiw. Ärzte, Unterrossärzte, Einj.- Freiw. Unterrossärzte, Oberfeuerwerker, Wallmeister, Zeugfeldwebel, Etatsmäßiger Zahlmeisteraspirant[22],

Stabshoboisten, Stabshornisten, Stabstrompeter, Pauker der G.d.C.,

Proviantamts- Aspiranten, Garnison- Verwaltungs- Aspiranten, Bezirksfeldwebel, Gendarmerie- Oberwachtmeister, Schirrmeister.

Vize- Feldwebel, Vize- Wachtmeister,

Fähnriche, Regiments- und Bataillons- Tamboure, Oberfahnenschmiede23, Depot- Vize- Feldwebel, Gendarmen24,

Sanitätsfeldwebel.

Sergeanten, Feuerwerker, Sanitätssergeant, Zeug- Sergeanten, Oberfahnenschmiede, Oberbäcker 1. Kl., Hoboisten, Hornisten, Trompeter, Regiments- und Bataillons- Tamboure3, Fähnriche mit Portepee aber ohne Offizier- Seitengewehr.

Unteroffiziere, Oberjäger, Sanitäts- Unteroffiziere, Oberbäcker, Fahnenschmiede, Hoboisten, Hornisten, Trompeter, Regiments- und Bataillonstamboure.

 

Eines der wohl wichtigsten Kapitel der Betrachtung des Militärs als Institution, das immerhin ja die Grundlage der Subsistenzsicherung eines großen Teils der Bevölkerung –eben der längerdienenden Soldaten und Berufsoffiziere- war, ist die Suche nach gegebenen Beförderungsmöglichkeiten. Bedeutend für Vermehrung verfügbaren Geldes und angenehmere materielle Lebensführung sowie teilweise verbunden mit einem Wachstum persönlichen Sozialprestiges, ist die Aussicht und die Möglichkeit der Beförderung, also des Aufstieges innerhalb eines hierarchischen Systems, von großer Bedeutung. Welch geringe Durchlässigkeit die sehr strikte Trennung der Dienstgradgruppen der Mannschaften/ Unteroffiziere und der Offiziere implizierte, ist bereits im vorangegangenen Kapitel angedeutet worden- nichts desto trotz, blieb das Fortschreiten in der Laufbahn der Unteroffiziere sehr attraktiv. Als grundlegende Bemerkung zu den Beförderungen sei hier die Notwendigkeit einer freien Dienststelle und die bewiesene und attestierte Eignung vor den Augen des Vorgesetzten genannt. Demnach bedeutend, sollte bei Beförderungen das Leistungsprinzip, in scharfem Kontrast zu früheren Kategorien der Beurteilung –beispielsweise dem Geburtsprinzip sowie der alleinigen Wertung des Dienstalters, gelten. Sicherlich ist dies als Ideal zu charakterisieren und nur bedingt, eben bei Beurteilung eines zu Befördernden durch einen leistungsorientierten Vorgesetzten, zu erwarten, was durchaus nicht immer und überall der Fall gewesen sein mag. So galt bei den Unteroffizieren generell das Leistungsprinzip, orientiert an bewiesenem, im Dienst angebrachten und sinnvoll angewandten Fachwissen, während nur bei Beförderungen zum Feldwebel ganz ausdrücklich auf die herausragenden Leistungen des Bewerbers in Kombination mit allgemeiner und spezieller „Eignung“ (Qualifikationen in Bezug auf Führung der schriftlichen Geschäfte der Kompanie und als Zugführer) verwiesen wurde.  Trotz des Zieles, nach Leistung zu befördern, versagte sich das Militär keinesfalls dem Anciennitäts- Prinzip, welches eine besonders gewichtige Wertung des Dienstalters, als vermeintlicher Indikator für Diensterfahrung, implizierte. Wie schwer eine Kombination beider Richtlinien in der Praxis war, kann man sich leicht vorstellen und tatsächlich scheint der Faktor Anciennität, besonders bei Beförderungen von Offizieren, der weitaus gewichtigere zu sein. Gründe dafür dürften vor allem darin zu sehen sein, daß anders keinerlei „faire“, sondern allein subjektiv zu begründende Besetzung freiwerdender Stellen möglich gewesen sein dürfte.

Einen festen Beförderungsfahrplan zu erstellen, scheint dennoch kaum möglich, da die Beförderung unter anderen, bereits genannten Voraussetzungen, besonders von der Anzahl der vorhandenen Stellen abhängig war. Zudem gab es oftmals recht bedeutende Schwankungen bei den einzelnen Waffengattungen. Die folgende Tabelle zeigt die Beförderungsaussichten der verschiedenen Dienstgradstufen im Verhältnis zu abgeleisteter Dienstdauer nach Schätzungen[25]. Ein Plus- Zeichen ( + ) hinter der Jahresangabe bedeutet, daß die Beförderung ab dem angegebenen Zeitpunkt zwar möglich war, zumeist aber erst später vollzogen wurde. Auf eine Aufstellung für die Speziallaufbahnen der Armee wurde hier verzichtet; ebenso ist darauf aufmerksam zu machen, daß während des Krieges diverse Abweichungen möglich waren[26].

 

Dienstgrad

Dienstgrad

Dienstdauer in Jahren

Bemerkungen

Gemeiner

Gefreiter

Ca. 1

 

Einjähriger

Gefreiter

0.5

 

Kapitulant

Unteroffizier

RegDienstzeit +2

 

Einjähriger- Gefreiter

Unteroffizier

0.9

 

Einjähriger- Gefreiter

Unteroffizier d.R.

1 +

Nach Ableistung seiner Übungen

Einjähriger- Gefreiter

Vizefeldwebel d.R. (O.A.)

1 +

Nach der 1. Übung

Einjähriger- Vizefeldwebel d.R. (Offizier-Aspirant)

Leutnant d.R.

1 +

Nach der 2. Übung

Gefreiter

Unteroffizier

2 +

 

Unteroffizier

Sergeant

7

 

Sergeant

Vizefeldwebel

12

 

Vizefeldwebel

Feldwebel

---

Leistung

Feldwebel/ Vizefeldwebel

Offizierstellvertreter[27]

12 +

 

Feldwebel/ Vizefeldwebel

Feldwebelleutnant

12 +

 EK2, EK1, GMVK, Einjähr.- Zeugnis[28].

Fahnenjunker

Fähnrich

0.5

Fähnrichsprüfung

Fähnrich

Leutnant

2 +

Offizierprüfung, Offizierwahl, Kriegsschule

Leutnant

Oberleutnant

8-10

 

Oberleutnant

Hauptmann

14-16

 

Hauptmann

Major

24- 27

 

 

Der Krieg brachte hier nur verhältnismäßig geringe Beschleunigung der Beförderungen. Besonders im Rahmen der Beförderungen in die nächst höhere Stufe der jeweiligen Laufbahn. Als Beispiel seinen hier vor allem die "Kriegsleutnants" wie bspw. Ernst Jünger[29] genannt. Durch Vorschlag der Einheitsführer konnten verdiente Mannschaften als Offizier- Aspiranten auf die Offizier- Aspiranten- Kurse im Etappengebiet oder in Deutschland geschickt werden. Nach recht kurzer Ausbildungszeit von 2- 3 Monaten kehrte der Aspirant als Vizefeldwebel zu Truppe zurück und konnte darauf zum Leutnant (aktiv, auch d.R.) befördert werden. Dabei war das Verfahren, im Gegensatz zu der im Frieden üblichen Praxis, etwas vereinfacht. So mußte der Einheitskommandeur hier nur eine begrenzte Offizierwahl durchführen, die aus „Einverständnis der örtlich greifbaren Offiziere“ der Einheit bestand.  Eine weitere Beförderung zum Oberleutnant (aktiv, auch d.R.) mag während des Krieges nur sehr selten vorgekommen sein, da man an den bestehenden Bindungen an friedensmäßigem Dienstalter festhielt. Auch die aktiven Offiziere des Friedensheeres wurden weiterhin nach diesem System befördert, wenn es hier auch manche Ausnahme gab. So wurde der Hauptmann von Rohr als aktiver Offizier und trotz seiner Verdienste beim Aufbau des ersten Sturmbataillons des Heeres, nicht viel weiter befördert und war am Ende des Krieges immer noch "nur" ein Major. Dagegen wurde ein Flieger wie Richthofen außer der Reihe vom Leutnant (1914) zum Rittmeister (im 25. Lebensjahr, 1917) befördert. Die Ehrenrangliste[30] des deutschen Offizierkorps weißt demnach auch mit Masse aus, daß Offiziere nur über zwei bis drei Rangstufen befördert wurden. Also beispielsweise vom Hauptmann 1914 zum Major oder Oberstleutnant 1918. Zum Vergleich Dienstgrad/Lebensalter des deutschen Offizierkorps im Vergleich zwischen Frieden und Krieg noch einige Zahlen[31]:

 

Dienstgrad

Frieden

Krieg

Oberleutnant

29

25 ½

Hauptmann

36

29 ¼

Major

45 ½

42

Oberstleutnant

52

50

Oberst

54 ½

54 ¼

Generalmajor (Brig.Kdr.)

58

57

Generalleutnant (DivKdr.)

61

61

General (KorpsKdr.)

65 ½

65

 

Bei den Unteroffizieren wurde das traditionelle System weit mehr durchbrochen, wie wir zumindest aus den Büchern ehemaliger Unteroffiziere wissen. So aus Zöberleins "Glaube an Deutschland". Der Gemeine Zöberlein wird von 1916 bis 1918 bis zum Vizefeldwebel befördert. Ausschlaggebend für diese in Friedenszeiten undenkbare Praxis, war zum einen der Beweis für die Eignung und der Vorschlag des Einheitsführers, zum anderen die Schaffung der "Unteroffizier- Lehr- Kurse" nach oben gezeigtem Vorbild bei den Offizieren. Notwendig war auch weiterhin eine positive Beurteilung durch den Einheitsführer, der dem Vizefeldwebel, der nach zwei bis drei Monaten vom Offizier- Kursus gekommen war, noch einmal die Eignung -oder weitergehende Eignung beispielsweeise zum Offizier- attestieren mußte. Wie es dazu kommen konnte, daß es, wie im folgenden Beispiel, jemand bis zum Vizefeldwebel gebracht hatte und dennoch so spät eine solch vernichtende Beurteilung bekam, ist kaum zu erklären:

 

„Vizefeldwebel X war im allgemeinen dienstlich und auch außerdienstlich nicht das, was ein Offizieraspirant sein soll. Sowohl das Interesse im Dienst, als auch das Verhalten in Stellung trugen dazu bei, ihn als gleichgültigen Soldaten zu kennzeichnen. Sein außerdienstliches Verhalten war besonders unmilitärisch. Er wollte, ohne sein Mitwirken nichts anderes als befördert zu werden und hat öfters die Äußerung fallen lassen, er wisse schon, wie er nachher wieder in die Heimat kommen könne. Ehrwürdiges ist mir von ihm nicht bekannt!“  [32]  

 

Grundlegend war man wohl überzeugt, daß es möglich war, die ausgefallenen aktiven Subalternoffiziere und Unteroffiziere durch Beförderungen geeigneter Soldaten zu ersetzen, da die Art der Kriegführung auf dieser Ebene entschlossene und tatkräftige Männer eher brauchte, als nur erfahrenes und langgedientes Personal auf dem Standard der Friedensausbildung. Dagegen wollte man die Domäne der Stabsoffiziere nicht aufbrechen und Leute zweifelhafter oder nur einseitiger Fähigkeiten, ohne die langjährige Überprüfung wie im Frieden, mit der Verantwortung für Kompanien, Bataillone und Regimenter nicht betrauen. Als Fazit kann man sagen, daß dieses System wenigstens auf der unteren Ebene -"im Graben"-  aufgegangen ist, wenn es um die Betrachtung der Laufbahnen an sich geht. Eines der schwersten Mankos scheint hier aber die Undurchlässigkeit der Offizierlaufbahn für Unteroffiziere gewesen zu sein. Sicherlich spielte dies bei den Leistungen, die deutsche Unteroffiziere vor dem Feind erbrachten, keine offensichtliche Rolle, doch ein gewisser Unmut ist in dem bemerkenswert hohen Anteil lange gedienter Unteroffiziere bei den revolutionären Ereignissen 1918/19 doch zu erblicken[33]. Bereits vor dem Krieg war daran gedacht worden, die Dienststellung (nicht den Dienstgrad!) eines Offizierstellvertreters zu schaffen, der hohe und langgediente Unteroffiziere als „Offizierdiensttuer“ charakterisieren sollte. Für den Krieg selbst war zudem die Kunstschöpfung des Feldwebel- Leutnants, jetzt als Dienstgrad der Gruppe der Subalternoffiziere, erdacht worden. Ein wirklicher Durchbruch war dies aber nicht, da ein ehemaliger (Vize-) Feldwebel, der zum Feldwebel- Leutnant befördert worden war, immer hinter dem dienstjüngsten Leutnant rangierte, bis 1917 nicht am Offiziermittagstisch teilhaben durfte[34] und auch kein Recht zur Beteiligung an Ehrengerichten oder der Offizierwahl hatte[35]. Bei der Seltenheit dieser Dinge an der Front sicherlich kein allzu hoch zu beurteilendes Fehl, aber doch eine deutliche Herab- und Zurücksetzung. Wenn solche Beförderungen zu Feldwebel- Leutnants auch wohl recht häufig, gegeben durch die enormen Unterführerverluste, waren, konnte von einer gerechten und fairen Art der Belohnung einer untadelhaften und langjährigen Führung keine Rede sein.

Textfeld:

Links: Beförderung  in der Karikatur der  Liller Kriegszeitung 1916.

 

Schwieriger noch sah es aus, wenn es um die direkte Beförderung von (aktiven) Unteroffizieren zu aktiven Leutnants ging. Hier scheint es, als habe man wirklich alle Register gezogen, um solche Belohnungen für Tapferkeit und Mut vor dem Feind in einer erstaunlichen Art zu begrenzen. Gebunden war an diese Beförderung in Preußen, der Besitz der beiden Klassen des Eisernen Kreuzes, das Goldene Militär- Verdienstkreuz[36]; in Bayern lediglich die Zustimmung des Offizierkorps und die beglaubigte Eignung zum Offizierdienst in Form des Einjährigen- Zeugnisses- dazu formal eine mindestens 12 jährige tadellose Dienstzeit. Geht man davon aus, daß Unteroffiziere mit Diensterfahrung und unter Beweis von persönlicher Tapferkeit wesentlich besser die Verluste von Subalternoffizieren decken können sollten, erstaunt die geringe Zahl von 210[37] so beförderter preußischer Unteroffiziere, wobei auf ehemalige Unteroffizierschüler 150 dieser Beförderungen entfallen. In der bayerischen Armee wurden 91 Unteroffiziere zu aktiven Offizieren befördert.

Sicherlich trug aber dabei das Selbstverständnis des Offizierkorps, als aristokratisch geprägte und traditionelle Säule der Monarchie im Staat, eine Menge dazu bei, daß es nicht zu einer stärkeren Ergänzung des Offizierkorps aus den Reihen der verdienten und militärisch (nicht aber sozial-) geeigneten Unteroffiziere kam. Zwangsläufig wären demnach sicherlich Elemente in das Offizierkorps eingegangen, die von diesem sozialen- und traditionellen Standpunkt aus nur begrenzt akzeptabel gewesen wären. 

 

Als Beispiel für einen gut dokumentierten militärischen Werdegang mit Beförderung zum Offizier sei hier die Laufbahn des Leutnants Emil Hatje näher beschrieben.

Hatje trat, wie oben angedeutet, am 1. Oktober 1913 als Einjährig Freiwilliger in das Lauenburgische Fußartillerie- Regiment Nr. 20 ein. Er war 1892 als Sohn des Bauunternehmers Heinrich Hatje geboren worden. Am 1. April 1914 wurde er Gefreiter und am 1.7.1914 Unteroffizier, was auf sehr gute Führung schließen lassen dürfte. Statt Dienstende kam allerdings der Kriegsausbruch und Hatje blieb, seit 24.12.1914 Vizefeldwebel, bis März 1916 beim Regiment. Danach war er bei der 15cm Kanonen- Batterie 21, bei der er vom 9.2.- 30.5. Offizierstellvertreter war. Am 30.5. bekam Hatje das Patent als Leutnant der Reserve. Hatje war am 23.9.1914 am rechten Oberarm verwundet worden, bekam am 5.10.1914 das Eiserne Kreuz 2. Klasse und am 30.7.1918 das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Er nahm zwischen 1914 und Kriegsende an folgenden großen Schlachten teil: Mons, Ourq, Soissons, Champagne 1915, Somme 1916, Flandern 1917, Cambrai 1917, Große Schlacht in Frankreich, Verdun 1918.

 

Zum Zusammenhang zwischen Beförderung und Besoldung, hier einen kleinen Ausschnitt aus einer älteren privaten Ausarbeitung:

„Im vorangegangenen Kapitel ist mehrfach auf die Unterschiede hinsichtlich der Kaufkraft und finanziellen Potenz der Soldaten verwiesen worden. Da diese Momente für den Alltag des Soldaten mitbestimmend waren, von den Soldaten nachweislich auch als bedeutungsvoll wahrgenommen wurden und die militärisch vorgegebenen Grenzen zwischen „den einfachen Soldaten“ und den Offizieren deutlich unterstrichen, soll ihnen im Rahmen dieser Arbeit ein eigenes Kapitel gewidmet sein.

Die Zweiteilung der Besoldung von Soldaten des deutschen Reichsheeres in Löhnung für die Mannschaften und Unteroffiziere[38] und Gehalt für die Offiziere läßt erst einmal auf eine deutliche Trennung, die sich auch auf den Umfang des Soldes bezogen haben mag, schließen. Bekräftigt wird dies durch die Tatsache, daß Löhnungsempfänger die ihnen zustehenden Gelder in Monatsdritteln, den Dekaden, empfingen, was durchaus auf Tradition und Begrenzung gewisser Gefahren, denen die Mannschaften und Unteroffiziere entzogen werden sollten, basierte. Dies kann aus heutiger Sicht wie eine Bevormundung erscheinen, aber es fehlen dementsprechende, zeitgenössische Beschwerden in Quellen. Vielmehr drehte sich der Ärger um den Umfang des Soldes, der sich bei den einzelnen Dienstgradgruppen sehr deutlich unterschied:

 

Dienstgrad

Tagesrate bis 1914/17

Tagesrate im Krieg (1917)

Kommandeur eines Korps

87,66

?

Kommandeur einer Division

49,50

?

Kommandeur einer Brigade

30,50

?

Oberst (Regimentskommandeur)

24

?

Oberstleutnant/ Major

18

?

Hauptmann

 

 

DZ >9 Jahre

14

?

DZ 5-9 Jahre

12,60

?

DZ 1-4 Jahre

9,33

?

Hauptmann als  Kompaniechef

?

21.83

Hauptmann als Bataillonsführer

---

24,33

Oberleutnant/ Leutnant

 

 

DZ >13 Jahre

6,60

?

DZ 10- 13 Jahre

5,70

?

DZ 7- 9 Jahre

5,20

?

DZ 4- 6 Jahre

4,60

?

DZ 1- 3 Jahre

4,10

?

Oberleutnant/ Leutnant als Kompanieführer

---

12,33

"Kriegsleutnant"

---

8,33

"Kriegsleutnant" (DZ> 1 Jahr)

---

10,33

Fähnrich

1,33

1,60

 

 

 

Feldwebel/ Wachtmeister

4,20

5,00

Vizefeldwebel/ Vizewachtmeister

2,10

2,53

Sergeant/ Unteroffizier

(DZ> 5,5 Jahre)

1,90

2,25

Unteroffizier

1,33

1,60

 

 

 

Gefreiter

0,63

0,75

Gemeiner

0,53

0,70

 

Die Differenzen innerhalb der Dienstgradgruppen sind besonders deutlich beim Unterschied zwischen dem einfachen Leutnant und seinem Kompanieführer oder Kompaniechef, also innerhalb der Offizierränge. Bei den Mannschaften fallen 10 Pfennige kaum ins Gewicht, ebenso die 20 Pfennige Unterschied zwischen einem diensterfahrenen Unteroffizier und einem Vizefeldwebel. Die Bedeutung dieser auch geringen Unterschiede kann vielleicht damit belegt werden, wenn man den Soldatenausdruck für einen Gefreiten, einen „Schnapser“, in seiner Bedeutung erfaßt. Der kuriose Ausdruck beruhte auf dem Mehr an Löhnung gegenüber den Gemeinen, welches als Preis für ein Glas Schnaps früher einmal den Unterschied ausmachte[39].

Ein sehr illustratives Beispiel für Ausgaben findet sich in den Aufzeichnungen Karl Pietz’:

„Die Veranstaltung verlief äußerst angeregt und nett. Ich verlor sechs Runden Schnaps zu drei Glas à 50 Pfennig, gewann zwei Flaschen Schöneberger Cabinet à M 9,-. Gesamt Trinkleistung: eine Flasche Piesporter, sechs Schnäpse und 1/3 von zwei Flaschen Sekt. Zeche M 16.-.“[40]

Nimmt man den Preis eines anderen tagtäglichen Genußmittels als Maß, so kann für die Entwicklung der Preise im Krieg festgehalten werden, daß sich sowohl der Gemeine als auch der Gefreite immer weiter von einem Auskommen können mit der Löhnung entfernte- so hätte der Tagesverbrauch von 40 Zigaretten[41] à 3 Pfennig nicht von der Tageslöhnung des Gemeinen bestritten werden können[42].

Daraus erschließen sich zwei Problemkomplexe. Einmal der des Verbesserns des eigenen Auskommens an der Front oder im besetzten Gebiet, dann aber auch die Schwierigkeiten, die sich den daheimgebliebenen Angehörigen darstellten, wenn der Ernährer der Familie als Soldat diente. Die Bezuschussung verheirateter Soldaten mit 1,60 Reichsmark und weitere Gelder für Kinder in der Familie konnten vor dem Hintergrund der stetigen Preissteigerungen nur eine verhältnismäßig geringe Besserung der Lage bringen. Die Wahrnehmung der wesentlich besseren finanziellen Lage der Offiziere, die zwar nicht generell von diesen Entwicklungen unbetroffen blieben, sie allerdings bei einem Vielfachen der Mannschaftslöhnung leichter kompensieren konnten, und der Vorteil der daheimgebliebenen, unabkömmlichen Arbeitern, die für ihren Lohn streikten, mag ebenfalls Ursprung eines allgemeinen Unmutes gewesen zu sein, der letztendlich auch von den höchsten militärischen Dienststellen erkannt wurde[43].

Die Herabsetzung der Offiziergehälter 1916 und die Aufbesserung der Löhnungen Ende 1917[44] kamen dabei nicht zum Tragen. Zu einer erfolgreichen Abstellung der Mängel im Kriegsbesoldungswesen kam es bis Kriegsende nicht:

„Das ... Heer mußte aber jahrelang die Härten eine[r] minimalen Löhnung tragen. Es hat selbstverständlich seine Pflicht getan, aber viel berechtigte Unzufriedenheit ist dadurch in die Front getragen.“[45]

Der Aufstieg aus den Reihen der Mannschaften in eine höhere Dienstgradgruppe, welche ein besseres Auskommen und ein angenehmeres Leben bedeuten können sollte[46], war dabei nur in geringem Umfang möglich. Die Beförderungen innerhalb der Dienstgradgruppen der Mannschaften und Unteroffiziere, also auf vertikaler Ebene, waren zwar keineswegs selten[47], ebenso der Aufstieg von Mannschaften in die Reihen der Unteroffiziere, doch die Ernennung zum Offizier blieb davon weitgehend ausgeschlossen und für die Masse der Soldaten unerreichbar. Selbst bei dem in allen Feldeinheiten chronischen Mangel an Subalternoffizieren blieben langgediente, ausgezeichnete und erfahrene Unteroffiziere von den Beförderungswegen der Offizieraspiranten ausgeschlossen, was doch einen bitteren Beigeschmack ausgemacht haben dürfte und hinsichtlich der Schaffung von „Zwitterdienstgraden“, Offizierstellvertreter und Feldwebelleutnant, als Heeresmißstand gekennzeichnet werden muß[48].

Die Beförderung bis zum Offizier war für ehemalige Einjährig- oder Mehrjährig- Freiwillige des aktiven Dienstes und des Beurlaubtenstandes möglich, ebenso für die Soldaten, welche den Bildungsanforderungen[49] genügen konnten und auf irgendeine Weise dazu in der Lage waren, die Aufmerksamkeit der Vorgesetzten auf sich zu lenken. Letzteres scheint in den Einheiten immer wieder zu Unmut geführt zu haben, da die Zahl der zu stellenden Offizieraspiranten oftmals gering und die Vergabe dieser begehrten Plätze in den Offizierkursen der Heimat heftig umstritten war. Wenigstens partiell wird man zur Feststellung kommen müssen, daß das blanke Leistungsprinzip nicht durchweg eingehalten wurde und gute Beziehungen zu den Vorgesetzten mitentscheidend waren:

„Der Offizierkursus, der eben ist, geht im Februar erst aus. Zu dem darauffolgenden ko[m]me ich, unser Leutnant macht’s.“[50]

Doch der Musketier, der hier im Dezember 1915 noch guten Mutes war, kam erstmal nicht zum Offizierkursus, sondern durfte Erfahrungen mit dem Vorteil von Beziehungen und Verbindungen machen:

„Du meinst, weil Bebbel da das gemacht hat, kann ich es auch. Ausgeschlossen. Der konnte persönlich zum Major gehen usw. usw. Dann glaubst du auch gar nicht, was die Kerls für Verbindungen haben, die zum Kursus wollen. ... . Da kann ich, wenn von hier aus schreibe, nichts machen. Dann ist der Kommandant von der M.G.K. in Trebbin ein ekelhafter Ekel. Die Aussichten sind gleich Null.“[51]


Ergebnisse, die sich aufgrund der wenig berechtigten Beförderung von bevorzugten Untergebenen ergeben konnten, sind nur schwer nachzuweisen, da, abgesehen von der umfassenden Kritik an Etappen- Vorgesetzten , der Schein des "glorreichen Unteroffizier- und Offizierkorps" in der Zwischenkriegszeit weitestgehend erhalten blieb und so Belege für eklatante Feigheit und Unfähigkeit von Vorgesetzten eine individuelle Note behielten." [52]


Aus derselben Arbeit stammt der folgende Abschnitt zu:

III. Versorgung der Soldaten mit Lebens- und Genußmitteln

 

 Die Bedeutung der Versorgung des Soldaten mit Lebens- und Genußmitteln und auch ganz allgemein Gegenständen des täglichen Bedarfs kann kaum überschätzt werden, was sich besonders auch in zeitgenössischen Parolen ausgedrückt finden läßt. So in dem bezeichnenden und in der Historiographie später gern angeführten Reim:

„Gleiche Löhnung, gleiches Essen- wär’ der Krieg schon längst gegessen!“[53]

Die enge Verbindung zwischen Besoldung und Verpflegung wird hier genauso deutlich, wie der Unmut des Gemeinen gegenüber den Privilegien der Vorgesetzten. Wie oben bereits angedeutet, handelt es sich beim Sektor Versorgung um einen Bereich, der ein deutliches Quantum an Ungleichheiten und „Selbstprivilegierung“ beinhaltete. Die militärischerseits garantierte Versorgung des Soldaten mit dem Lebensnotwendigsten, Verpflegung und Ausrüstung, war dabei nur eine Seite einer Medaille, welche den Wunsch des Soldaten nach anderem -sicherlich auch zum Teil als Luxus zu deklarierendem- beinhaltete. Von dienstlich Geliefertem allein zu leben, dazu noch in einer Kriegslandschaft, die von sich aus kaum etwas leisten konnte[54], und von Bedürfnissen geplagt, die sich nicht dauernd unterdrücken ließen, bedingte, daß es zunehmend nur noch von der finanziellen Potenz des Soldaten und gleichsam von seinen Verbindungen in der Einheit und in die Heimat abhing, was ihm auf diesem Sektor das Leben erträglicher machen konnte. Mit zunehmender Kriegsdauer und unter den Eindrücken einer wachsenden Verknappung von Lebens- und Genußmitteln, die zudem noch in steigendem Maße qualitative Mängel aufwiesen, sowie allgegenwärtigen Rohstoffknappheiten und gleichzeitigen Preissteigerungen mußte der Gesamtkomplex der Versorgung des Heeres mit dem Notwendigsten und vom Heer gewünschten, stetig an Bedeutung gewinnen.
 

Grundlagen und Entwicklung der Versorgung des Soldaten mit Genuß- und Lebensmitteln.

Die Notwendigkeit zu einer einheitlichen und regelmäßigen Versorgung der Soldaten mit Grundnahrungsmitteln war lange vor dem Krieg erkannt worden und fand seinen Ausdruck in den Truppenküchen, welche es in jeder Garnison gab. Der Soldat hatte Anspruch auf drei Mahlzeiten am Tag[55], die von diesen Truppenküchen zubereitet und zumeist, sofern man sich nicht außerhalb der Kaserne befand, auch dort eingenommen wurden.

Grundlegend ist hierbei, daß die Truppenküchen den Zweck hatten, „den Unteroffizieren und Mannschaften eine einwandfreie und ausreichende Verpflegung zu gewähren“ [56] , was die Offiziere von den Truppenküchen ausschloß und gleichzeitig auf die Betonung „guter“ Verpflegung hinauslief. Um letzteres zu gewährleisten, mußte es zu jedem Küchenbetrieb einen Küchenausschuß geben, der für die ordnungsgemäße Verwaltung der Truppenküche (Buchführung), die Einhaltung der bestehenden Hygienevorschriften und für die Ausgabe des den Soldaten rechtmäßig zustehenden Quantums an Verpflegung zu sorgen hatte- diese Kontrollfunktionen wurden von Offizieren, namentlich dem Einheits- Kommandeur als oberster Instanz, den Zahlmeistern und Intendanturbeamten und einem Sanitätsoffizier ausgeübt [57] . Die Lebensmittel wurden entweder bei den Korps- Intendanturen angefordert oder im Umland der Garnison angekauft, wobei lediglich die Maßgaben des Sanitätsoffiziers, Qualitätskontrolle und Kontrolle der den Soldaten zustehenden Nährwerteinheiten sowie bestimmte festgesetzte Ausgabemengen bei der Zubereitung der Speisen, entscheidend waren [58] . Handel, günstiges Einkaufen und Feilschen war somit grundsätzlich rechtmäßig und die Erwirtschaftung von Ersparnissen legitim. Letztere sollten allerdings grundsätzlich immer aufgebraucht und für besondere Speisen an Festtagen genutzt werden, dem Soldaten also in jedem Fall zugute kommen [59] .

Äußerungen über den Mißbrauch dieser Freiheiten des Küchenpersonals oder des Kontrollrechtes der Mitglieder des Küchenvorstandes konnten für die Friedenszeit nicht ermittelt werden. Tatsächlich sind in der Küchenvorschrift aber bereits alle Elemente enthalten, die bei Fehlen einer ordentlichen Aufsicht und Kontrolle Mißstände hervorrufen konnten, wie sie als Einzelfall bei Michaels „Infanterist Perhobstler“ bereits für die Zeit direkt nach Kriegsbeginn angeführt werden [60] . Die Verpflegung der Offiziere war insofern geregelt, als daß ihnen keine militärische Verpflegung gestellt wurde. Sie hatten sich selbst zu versorgen und dafür eben auch einen Teil ihres Gehaltes zu opfern. Die Gemeinschaftsküche der Offiziere, das Offizier- Casino, war durch Vorschriften, wie die für die Truppenküchen, scheinbar nicht besonders geregelt. Daß es bei der Anfertigung von Speisen für eine in finanzieller Hinsicht potentere Gruppe besseres Essen gab, kann nicht überraschen und auch hier fehlen für die Friedenszeiten schwerwiegende Beschuldigungen und die Erwähnungen von eklatanten Mängeln und Mißbräuchen.

Neben dieser Verpflegung von Soldaten in der Garnison gab es seit 1908 einige Neuerungen für die Zeit im Manöver beziehungsweise „im Feld“. Die Einführung von mobilen Feldküchen bei den aktiven Einheiten des Feldheeres, die so organisiert und genutzt werden sollten, wie es als Ersatz für die ortsfesten Truppenküchen sinnvoll erschien, war eine bedeutende Verbesserung. Die Truppe konnte nun auch unter freiem Himmel und bei weiter Entfernung zur nächsten Heeresverpflegungseinrichtung selbständig für das Wohl ihrer Soldaten sorgen. Da die Feldküchen allerdings bis zur Mobilmachung längst nicht überall vorhanden waren und bei weiten Teilen der Neuformationen fehlten, fiel die Versorgung über sie im Krieg 1914 oftmals aus. Hinzu kam, daß es während des Vormarsches oftmals auch kaum Zeit gab, die Feldküchen zu nutzen [61] .

Die Truppenverpflegung im Stellungskrieg wurde weitaus einfacher, da die zusammengefaßten Bagagen der Kompanien oder Bataillone als gemeinschaftliche Truppenküche fungierten und von zentraler Stelle aus, der Großen Bagage, versorgt wurden. Dabei war die Nutzung der Feldküchenwagen scheinbar genauso geläufig, wie es die Einrichtung von ortsfesten Truppenküchen an zentralen Stellen des Operationsgebietes, beispielsweise in der Nähe großer Entlade- und Versammlungsräume, zentral hinter oder innerhalb der Divisionsabschnitte,  war [62] . Die Heranschaffung und Beschaffung der Verpflegung geschah weiterhin durch die Intendanturen und Ankauf bei privaten Unternehmern, die sich sehr schnell nach Einsetzen des Stellungskrieges im besetzten Gebiet für Dienstleistungen anboten [63] .

Die nächste und nachweislich nur bei einigen Einheiten in der Vorkriegszeit auch geübte und auf Eigeninitiative beruhende Alternative war das „Abkochen“ und die Selbstversorgung der Truppe mit zugeteilten Kriegsportionen und angekauften Lebensmitteln. Beim Hamelner Infanterie- Regiment 164 war als dementsprechende Kochübung bereits bei Vorkriegsmanövern Vieh angekauft worden, das geschlachtet und von den Soldaten, quasi im Selbstversuch, zubereitet wurde [64] .

Die Kriegsportion, welche die Lebensmittel umfaßte, die allen Soldaten, Generalen genauso wie anderen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften, als Tagesration im Krieg zustand, war in erster Linie Kaltverpflegung, was die Zubereitung und den Verzehr einfacher und vor allem unabhängig von aufwendigen Kochgelegenheiten machen sollte [65] . Die Kriegsportion bestand hauptsächlich aus Brot, Wurst, Frischfleisch oder Fleischkonserven, Gemüse und kleinen Zucker-, Salz- und Tee- oder Kaffeemengen. Ersatz und Alternativen zu den einzelnen Sorten und Mengen, so beispielsweise statt 750g Brot 400g Eierzwieback, waren möglich. Ebenso die Beigabe von Alkohol und Tabak, wobei Tabak tatsächlich schnell, im Februar 1915, als regulärer Bestandteil der Portion eingeführt wurde. Entweder kam es zur Ausgabe von Schnupf- oder Pfeifentabak, Zigarren oder Zigaretten, wobei die verausgabten Mengen allerdings so gering waren und blieben, daß es für Raucher in der Regel unmöglich sein mußte, den persönlichen Tagesbedarf mit der Kriegsportion zu decken [66] . Der Alkohol spielte bei der Versorgung der Truppe durch das Heer zuerst keine große Rolle, da sich die Ausgabe bei den Anstrengungen des Bewegungskrieges schon aus medizinischen Gründen nicht als sinnvoll erweisen konnte und in sich durchaus bereits wahrgenommene Gefahrenpotentiale verbarg: Alkohol als „Seelentröster“, Medium einer gewissen Verrohung und die durch Alkoholika sich möglicherweise breitmachende „Enthemmung“ der Soldaten waren Inhalte verschiedenster Warnungen und Appelle von Seiten der Mediziner und aus der Heimat [67] . Dennoch entschied man sich im Stellungskrieg für ein geringes Quantum an Branntwein als Teil der Kriegsportion, das bei schlechter Witterung und in besonderen Lagen nach Maßgabe der Führung und der Mediziner ausgegeben werden konnte [68] .

Neben der Kriegsportion, die in den Lebensmittelwagen der Truppe oder durch die Proviantkolonnen transportiert und bereitgestellt wurden, trug jeder Soldat eine „Eiserne Portion“ bei sich. Diese Notverpflegung war auf zwei Tage angelegt und umfaßte kleine Mengen an Eierzwieback, Salz und Kaffee sowie Gemüse und Fleischkonserven [69] . Angebrochen werden durfte sie nur auf besonderen Befehl des Einheitsführers [70] , was bereits im Bewegungskrieg oftmals ausblieb und von der Truppe daraufhin selbständig und individuell gehandhabt wurde [71] . Das Verzehren der Eisernen Portion wurde unter schwere Strafe gestellt und Revision des Bestandes zum bleibenden Inhalt der Appelle in der weiteren Kriegszeit:

„Den Verbrauch eiserner Portionen ordnen Truppenführer an. Sie haben jedoch den Verbrauch jeder eisernen Portion sofort zu melden, damit die Führung stets darüber unterrichtet ist, über wie viel eiserne Portionen die Truppe verfügt. Vor allem ist durch häufige Revisionen zu verhindern, dass die Mannschaften ohne Befehl eiserne Portionen verbrauchen, denn damit wird jeder Berechnung über die Verpflegungsmöglichkeiten der Boden entzogen.
Den Mannschaften war es oft nicht bekannt, dass sie zwei eiserne Portionen, mithin Verpflegung für zwei Tage, bei sich tragen. Mehrfach wurden beide eisernen Portionen an einem Tage verzehrt und die Truppe litt dann am zweiten Tage Mangel.“  [72]

Als letzte Grundlage der Verpflegung können Ankauf und Beitreibung von Lebensmitteln im besetzten Gebiet genannt werden [73] . Beitreibung bedeutete, daß Truppenteile in „Notlagen“, unter Führung und in der Verantwortlichkeit eines Offiziers, dazu berechtigt waren, ihren Bedarf an Verpflegungsmitteln aus dem Feindesland zu decken. Dabei lag im Normalfall die Aushändigung einer Beitreibungsbescheinigung oder auch die Barzahlung der beigetriebenen Waren und sonstigen Gegenstände als Grundbedingung vor [74] :

„Im Korpstagesbefehl vom 14.8.14 IIa Nr. 79 ist darauf hingewiesen, dass Aneignung von Lebensmitteln nur von Vorgesetzten befohlen werden darf. Nach (unleserlich) Ziffer 3 erfolgen Beitreibungen grundsätzlich unter Leitung von Offizieren, ausnahmsweise (Patrouillen u.s.w.) ohne solche. Über alles Empfangene ist gewissenhaft Bescheinigung auszustellen. Die Mannschaften sind nochmals eindringlich zu belehren, dass sie ohne Befehl nur Lebensmittel für den augenblicklichen persönlichen Bedarf sich aneignen dürfen. Hierzu gehören aber nicht alkoholische Getränke. Eingehende Belehrungen hierüber hatten stattzufinden.“ [75]

Da diese Art der Verproviantierung nur zu leicht in Plünderung ausarten konnte, sollte auf „schärfste Manneszucht“ und die Wahrung des Abstandes zwischen Mannschaften und Landesbewohnern geachtet werden. Tatsächlich bedingte die Praxis, im eigentlichen Sinne die Macht des Stärkeren, grundsätzlich die stetige Gefahr von sehr weitinterpretierten „Notlagen“, wie verschiedene Beispiele, besonders zum Fehlverhalten von Offizieren bei der Ausstellung von Requirierungs- Bons, belegen können [76] . Für den Alltag des Soldaten im Stellungskrieg scheint insbesonders die Wahrnehmung dieses Fehlverhaltens durch Offiziere bedeutend, während es zur Aneignung zivilen Eigentums durch den einfachen Soldaten vor allem dort kam, wo Lebensmittel, Gut und Habe verlassenen und zurückgelassenen worden waren [77] .

Die Verpflegungsfrage war für die Verhältnisse eines kurzen Krieges durchaus geregelt und zeitweilige Engpässe sollten leidlich überbückt werden können. Die Entwicklung der militärischen Versorgung innerhalb der Zeit des folgenden Stellungskrieges wies jedoch die Schwächen des Systems deutlichst auf.

Der reichhaltige und Abwechslungsreiche Speiseplan der Küchenvorschrift verschwand wohl bereits im Laufe des Jahres 1915 [78] mit deutlich wahrnehmbaren Auswirkungen in Form sehr zahlreich auftretender Unmutsäußerungen im Jahr 1917:

„Ich begann meine Tätigkeit mit einer Einrichtung, die ich in den Vogesen schon erprobt hatte, indem ich die Verpflegung in Selbstverwaltung der Mannschaften gab, die zu dem Zwecke eine Menagekommission wählen mußten. Ich wollte damit die Klagen über die Verpflegung abstellen, die wegen des großen Mangels allgemein waren. Eine Gruppe war neidisch auf die andere, vor allem die Mannschaften auf die Offiziere, die angeblich zu viel erhielten.“ [79]

An den Umständen, also besonders der Gleichheit der Kriegsportion für Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, änderte sich im Stellungskrieg nichts, womit es keine normative Grundlage für die Annahme einer besseren Verpflegung einer einzelnen Dienstgradgruppe gab. Tatsächlich, ein Blick in die Schilderungen Ernst Jüngers belegt dies schnell, gab es Unterschiede. Wenn der Leutnant Jünger im September 1917 von seinem Burschen zum Frühstück „versalzenes Spiegelei bekam“ [80] , dann war dies außergewöhnlicher Luxus und für die Masse der Soldaten, die mit Dörrgemüse, dem im Soldatenjargon berühmt- berüchtigten „Drahtverhau“, steinhartem Zweiback oder dünnsten Wassersuppen vorlieb nehmen mußten, durchaus ein Grund zur Ereiferung. Hinzu kam als weiterer Kritikpunkt, daß die Gleichheit der Verpflegung aller Soldaten einer Gleichheit zwischen sehr unterschiedlich belasteten Menschen entsprach, die dem Soldaten im Graben und im Großkampf nicht mehr Verpflegung brachte, als sie der Trainsoldat im erweiterten Operationsgebiet bekam. Ob es aus Einsicht oder aus Gründen der Lebensmittelrationierung hier in den folgenden Jahren, erstmalig bereits im Februar 1915, zu einem Eingreifen kam, ist fraglich. Die Portionen wurden allerdings differenzierter, je nach angenommenem Belastungsgrad des Soldaten ausgegeben [81] . So bekamen die in der Etappe Tätigen statt 750g Brot ab Februar 1915 nur noch 600g. Im März 1917 wurde die Grundmenge Brot der Kriegsportion auf 500g verringert, wobei Zulagen für Soldaten im Kampf (750g), im Gebirge über einer Höhe von 1000m (1000g), in den Erholungsphasen nach Kampftagen in der vordersten Linie (10 Tage je 750g) und bei besonderen Anstrengungen (600g) gewährt wurden. Eine letzte Neuregelung kam im Februar 1918, wobei die Grundration für Etappentruppen auf 600g festgesetzt, für Feldtruppenteile wieder auf 700g erhöht und eine besondere Zulage für Soldaten über 42 Jahre und Jugendliche eingeführt wurde (jeweils 750g) [82] . Somit erhielten Soldaten im Normalfall also weitaus weniger Brot, als vor dem Krieg als Mindestmenge festgesetzt worden war. Nicht genug damit, die Versorgung der Truppe im Großkampf bereitete unermeßliche Schwierigkeiten, so daß hier kaum ein Bruchteil des zustehenden Quantums je zur Ausgabe gelangte.

 

Tagessätze (Kriegsportionen) für kämpfende Truppe, Stand November 1917 [83] :

Brot (Grundration) [84] 600g  
Fleisch oder
Rauchfleisch, Speck, Konserven oder
Klippfisch [85]
250g
 
150g
200g
An 6 Tagen der Woche
Gemüse (Reis, Graupen, Grütze, Hirse, Haferflocken)
Oder
Hülsenfrüchte,
Dörrgemüse,
Nudeln,
Sauerkohl,
Backobst,
Speiserüben,
Kartoffeln,
Kartoffelflocken,
Dörrkartoffeln
125g
 
 
250g
60g
200g
450g
125g
1200g
1500g
250g
300g
Nach Möglichkeit wurde für Tauschbarkeit von Teilen der Kartoffelration mit anderem Gemüse gesorgt. Nach Verringerung der Kartoffelausgabe durch Produktionsausfall war es normal nur eine Drittel Ration Kartoffel und zwei Drittel anderes Gemüse zu bekommen.
Fett
Butter
Marmelade
Schmalz
Marmelade
Wurstkonserven
 
55g
30g
55g
30g
125g
 
An 3 Tagen im Monat
An 3 Tagen im Monat
An 12 Tagen im Monat
An 12 Tagen im Monat
An 10 Tagen im Monat
Zucker 17g Nur zu Teerationen hinzu [86]
Salz 25g  
Branntwein 0,05l Bei schlechter Witterung
Tee 2g Mehrmaliges Aufkochen
Kaffee
Bohnenkaffee
Malz- u. Gerstenkaffee
 
19g
15g
 
Durch 6g Zichorie zu strecken
5g Bohnenkaffee auf 10g Malz- und Gerstenkaffee
Bier [87] 4,3l Monat
Rauchwaren 2 Zigarren + 2 Zigaretten oder
30g Tabak oder
5g Schnupftabak
 

 

Zur besseren Einordnung der hier angegebenen Lebensmittelmengen, sei noch die wöchentliche, beziehungsweise monatliche Versorgung (über Lebensmittelkarten) der einheimischen Bevölkerung in Gramm angeführt. Es ist der Stand vom November 1917 verzeichnet [1] :
 
  Jugendliche (12-18 Jahre) Normalsatz Schwerarbeiter Schwerstarbeiter
Mehl
(= Brot)
1750g
(2440g)
1400g
(1950g)
2100g
(2925g)
2800g
(3900g)
Fleisch 250g 250g 300g 350g
Fett 62,5g 62,5g 62,5g 125g
Fettzulage
für Rüstungswerke
mit Massenspeisung
ohne Massenspeisung
 
 
 
 
 
 
 
 
40g
25g
 
 
40g
25g
Kartoffeln oder
Kartoffeln
und Rüben
2625g
1500g
2250g
2625g
1500g
2250g
5250g
1500g
2250g
5259g
1500g
2250g
Zucker
(monatlich)
  750- 800g    
Nährmittel wie Grieß, Graupen, Teigwaren, Suppen, Haferflocken
(monatlich)
  250- 1250g    

 

An Stelle des Fleisches war die Ausgabe Wurst möglich. Hier entsprachen 75g Fleisch 150g Wurst. Gesonderte zusätzliche Zugaben, waren in Industrie- und Bergwerksgebieten ebenso möglich. So beispielsweise Zucker, wenn die Kopfrate des Zusatzes 150g pro Kopf der Industriearbeiter nicht überschritt. Gerechtfertigt schien dies besonders im Fall zusätzliche geleisteter Überstunden zu sein, die mit bis zu 700g Mehl für die Woche vergütet wurden. Vergleicht man diese Aufstellung mit derjenigen für die Truppe (s.o.), so fällt auf, daß die Soldaten hinsichtlich ihrer Verpflegung besser gestellt waren, als die Heimat, geht es um die amtlichen Bemessungen. In Nährwerteinheiten ausgedrückt, ergibt sich folgendes Bild [1] :

Fechtende Truppe: 2500, Etappentruppen: 2300, Jugendliche: 1580, Normalsatz: 1400, Schwerarbeiter: 1730, Schwerstarbeiter: 2130 Kcal.

 

Die Flexibilität und Vielfalt des Speiseplans verschwand so schnell und nachhaltig, wie die Qualität der gelieferten Waren sank. Beim Fallbeispiel Brot, das laut Felddienst- Ordnung das wichtigste Lebensmittel darstellte [88] , läßt sich dies nicht nur anhand der Ausgabemenge belegen, sondern auch mit der Feststellung, daß es in Massen ohne Konservierungsstoffe und mit einem sehr hohen Mehlgehalt gebacken, sehr schnell verdarb und oftmals bereits angeschimmelt zur Ausgabe gelangte [89] .

Genußmittel, welche die Kriegsportion ursprünglich ergänzen sollten, verschwanden zunehmend und qualitative Einbußen waren hier genauso deutlich ersichtlich, wie bei allen anderen Bestandteilen der Heeresverpflegung. So kam statt Bohnenkaffee schlecht schmeckender, dünner Malz- und Gerstenkaffee zur Ausgabe [90] . Die Qualität der Tabakportion, egal in welcher Form, sank merklich [91] . Hier kam es bei der Einführung der „Kriegstabakmischung“ im März 1918 bemerkenswerter Weise zu einem Einschreiten der Militärmediziner. Dieser „Tabak“, zu 85% Buchenlaub, war nachweislich erheblich gesundheitsgefährdend und wurde daraufhin wieder zurückgenommen [92] .

Bemerkenswert bei der Versorgung der Truppe mit Tabak ist zudem, daß ab Mai 1916 sämtliche Gehaltsempfänger, in erster Linie also die Offiziere, von der Tabakportion ausgeschlossen wurden, was auf dem Sektor der Heeresverpflegung einzig zu sein scheint [93] .

Das Leben allein von der Heeresverpflegung dürfte nach den obigen Schilderungen den Eindruck eines ständigen Mangels ergeben, der als Zwang zum Hungern definiert werden kann und keineswegs die alleinige Grundlage eines jahrelangen Aushaltens und Auskommens darstellen konnte. Andere Verpflegungsquellen, die sich aus privilegierter Stellung, Beziehungen und finanzieller Potenz des jeweiligen Soldaten ergeben konnten, waren zunehmend von Bedeutung. Gerade da, wo es ein gewisses Maß an Luxus oder den Wunsch nach Einhalten althergebrachter Bräuche [94] , dem Spiegelei zum Frühstück, hin und wieder ein, zwei Gläser gutes Bier, den Genuß hochprozentiger Alkoholika nach „altem Kriegerbrauch“ [95] oder eine ordentliche Zigarre, zu befriedigen gab, konnte die Heeresverpflegung mit zunehmender Kriegsdauer nicht mehr greifen:

„In den ersten Kriegsjahren gab es noch reichlich Schnaps, den man literweise vertilgen konnte. ... . Liege du liebwerter Heimkrieger, ein paar Tage in Stellung, Tag und Nacht im Kampfe, in Kälte und Nässe, und Du kannst jedes Quantum Schnaps vertragen, ohne es zu merken. In den späteren Kriegsjahren war es ein besonders schwerer Mangel, daß die Schnapsrationen immer kleiner wurden und man in ruhigen Stellungen überhaupt keinen mehr bekam. Wir freuten uns jedes Mal wie Diebe, wenn Thyphus- oder Cholerafälle an der Front auftraten, denn als Folge davon wurden die Schnapsrationen vergrößert, mit denen die Heeresleitung Epidemien vorbeugen wollte.“ [96]

Ausdruck einer tatsächlichen Ungleichheit im Graben, die hier nachweislich großen Unmut der einfachen Soldaten bedingte, kann das Beispiel einer Episode an der Ostfront bieten. Im Februar 1917 kam es zu einem Schriftwechsel zwischen zwei Regimentskommandeuren, die über den Fall eines Musketiers zu beraten hatten, welcher sich –dies wird im Schriftwechsel nicht deutlich- in einer sehr deutlichen Form gegen das Betragen einiger Offiziere aufgelehnt hatte [97] . Drei Offiziere waren zum Besuch eines ihnen bekannten Kompanieführers in den Abschnitt des Nachbarregimentes gegangen, wobei sie, bereits stark angetrunken und alle Gefahren außer Acht lassend, sich über freies Feld der Stellung genähert hatten und daraufhin sehr lautstark im Unterstand des befreundeten Kompanieführers weitertranken. Nach einem kurzen Ausnüchterungsschlaf torkelten sie wieder in ihren Kompanieabschnitt zurück, wobei verschiedene Soldaten der Grabenbesatzung, einer eben in scheinbar besonders eindrucksvoller Weise, ihren Unmut äußerten. Deutlich war hierbei einmal geworden, daß das Fehlverhalten der (jungen) Offiziere grundlegende disziplinarische Mängel aufwies, und es dann auch nachhaltige Auswirkungen auf die Stimmung und Moral Truppe haben mußte, weil offensichtlich geworden war, daß es sich die Offiziere disziplinarisch leisteten und offensichtlich finanziell leisten konnten, sich so umfangreich mit Alkoholika auszustatten, daß sie am hellichten Tage in der Stellung betrunken umherlaufen zu können. Der einfache Soldat konnte sich dies im Dienst disziplinarisch nicht leisten und in finanzieller Hinsicht auch nur dann, wenn er genügend Geld, Beziehungen oder generell überhaupt Möglichkeiten zum Kauf hatte.

Noch grundlegendere Kritik brachte die Fronttruppe der Etappe gegenüber an, die gerüchteweise hauptsächlich hinter der Front lag, um zu „schieben“ und den Mann im Graben zu „bestehlen“. Unter dem wenig positiven Begriff der „Proviantfritzen“ oder „Etappenbullen“ ließ sich bereits der Küchenunteroffizier der Kompanie und der Verpflegungsoffizier des Bataillons subsumieren, was sich nach dem Krieg in vielfältigsten Beschreibungen innerhalb der „Kriegserlebnisse“ ausdrückte [98] . Daß es diese „Schiebereien“ tatsächlich auch in größerem Umfang gegeben hat, scheint dabei genauso wenig fragwürdig wie die Tatsache, daß eine Aufklärung über die tatsächliche Armut der Kriegführung des Deutschen Reiches nicht stattfand, sondern sich aufgrund von Hörensagen und nachweislicher Ausnutzung der verschiedenen Privilegien [99] schnell Unmut und Gerüchte entwickelten, welche eine grundsätzliche Abwertung des Ansehens all derer bewirken mußten, die über Lebens- und Genußmittel geboten oder auch nur irgendwie mit diesen außerhalb des Grabens in Berührung kamen [100] .

Tatsächlich war die Diskrepanz zwischen dem Hunger im Großkampf, der zu vielfältigen und unerwarteten Tabubrüchen wie der Plünderung von Leichen auf der Suche nach Eßbarem [101] , dem Schlachten von Hunden und Katzen [102] , dem Verzehr von Pferdekadavern [103] oder dem Trinken von Eigenurin [104] - führte, und dem Leben hinter der Front, mit Kantinen, wenn nicht üppiger, so doch regelmäßiger Verpflegung und der Möglichkeit zu Ankäufen, enorm.

 

Die Bedeutung der „Liebesgaben“

Was man unter Möglichkeiten und Beziehungen verstehen konnte, wird im Bereich der sogenannten „Liebesgaben“ besonders deutlich.

Bei Kriegsausbruch gehörten Geschenke, darunter Lebensmittel genauso wie Taschenmesser, Geldbörsen, und andere Gebrauchsgegenstände, zu einer allgegenwärtigen Bereicherung der Ausstattung und Verpflegung der ausrückenden Soldaten. Motiviert durch emphatischen Patriotismus oder den einfachen Wunsch jemandem helfen zu wollen, gaben Vereine, Angehörige der Soldaten und gänzlich fremde und unbekannte Personen vieles kostenlos und in großen Mengen:

„In Liebesgaben erstickten wir fast. Unsere Kerls wurden sozusagen zusehends fett von all der Schokolade, den Riesenmassen von Butterbroten, welche die reichliche Atzung der glänzend eingerichteten Verpflegungsstationen ergänzten.“ [105]

Die Zeitungen dieser Zeit waren angefüllt mit Aufrufen zu Geben und Anleitungen zur Anfertigung von Liebesgaben, wie beispielsweise Strickwaren oder Verpflegungskonserven [106] . Unzählige regionale und überregionale Vereine und Vereinigungen, darunter besonders bedeutend das Rote Kreuz, eröffneten Sammelstationen und organisierten mehr oder weniger zweckmäßig die Verteilung und Ausgabe an die Truppen. Dabei war die Masse von vergeudeten und verschwendeten Lebensmitteln, die teilweise an falscher Stelle und in zu großen Mengen gesammelt und unfachmännisch gelagert wurden und verdarben bevor sie verteilt werden konnten, ein ernsthafter Verlust, der auf kommende Mängel verwies [107] . Diese taten sich ab Dezember 1914 bereits in ersten Erfassungen von Lebensmittelpreisen und –beständen im Deutschen Reich auf, wobei der Weg zur Verbrauchsrationierung und Verbrauchsbeschränkung schnell eingeschlagen wurde [108] . Preistreiberei, Lebensmittelverknappung durch Horten und ein wachsendes Quantum an illegitimem „Eigenbedarf“ taten ein übriges um die Qualität der Liebesgaben als freiwillige patriotische Gabe derer, die im Überfluß besaßen, zu verwässern.

Vielmehr als durch die Sammlung der Vereine, kam es daraufhin zur Unterstützung der Soldaten durch ihre Angehörigen. Dabei spielte die Feldpost als Mittler zwischen Front und Heimat eine besondere Rolle und ist dementsprechend heute eine hervorragende Quelle für die Darstellung der Bedeutung der Liebesgaben. Feldpostdokumente, die eine Art Wunsch- und Bestellzettel von Lebens- und Genußmitteln beinhalten, sind sehr häufig, so daß an dieser Stelle ein einzelner Auszug aus einem Feldpostbrief ausreicht, um dies zu illustrieren:

„Hoffentlich sind deine beiden Finger schon wieder heil & schmerzen nicht mehr. Heute erhielt ich deinen Brief vom 8.12. mit 20 Cigaretten. Ferner erhielt ich Paket No. 3 mit Butter & Käse beides noch sehr gut und Paket No. 7 mit Cigaretten und Zündhölzern. Morgen werden wir wohl wieder weiter kommen. Außerdem erhielt ich noch dein Schreiben vom 7.12. No. 18.“ [109]

Was aus solchen Serien an Feldpostkorrespondenzen deutlich hervorgeht, ist der Wechsel von Geld, angesparter Löhnung der Soldaten, gegen besonders begehrte Lebens- und Genußmittel in der ersten Zeit des Krieges und die folgende Umkehr der Verhältnisse, bei denen zwecks Ankauf von in der Heimat nicht mehr zu bekommenden Waren von zu Hause aus Geld geschickt wurde [110] . Abhängig war dies vor allem von den grundlegenden Möglichkeiten der Soldaten beziehungsweise ihrer Angehörigen. Ländliche Bevölkerungsteile waren bis Kriegsende dazu in der Lage, ihre Angehörigen mit begehrten Dingen wie Obst, Butter und Käse zu versorgen [111] und finanziell potente Soldaten konnten problemlos im besetzten Gebiet in Deutschland selten gewordene Waren -im Fall des Gefreiten Adolf Storck waren es Stoffe und Gewürze- besorgen. Die Abhängigkeit des Umfangs und der Qualität der gesandten Liebesgaben von der individuellen Kaufkraft des Absendenden war entscheidend und somit resultierte daraus eine Ungleichheit innerhalb des Heeres. Der oben genannte Adolf Storck war Mannschaftsdienstgrad, doch, bei einem Stab stetig außerhalb der ersten Linie eingesetzt, in durchaus privilegierter Stellung und zudem offensichtlich relativ vermögend, was nur auf einen Bruchteil der einfachen Soldaten zugetroffen haben dürfte. Die Qualität und Quantität dieses Warenaustausches zwischen Front und Heimat wäre dementsprechend zu hinterfragen. Immerhin finden sich aber innerhalb einer renommierten Feldzeitung wie der „Liller Kriegszeitung“ von 1916 Hinweise auf eine Umkehr der ursprünglichen Verhältnisse in Form von Karikaturen; diese zeigen beispielsweise schwer mit Lebensmitteln bepackte Soldaten auf dem Weg in den Heimaturlaub, was auf eine allgemein übliche Praxis der Versorgung der Heimat durch die Soldaten im besetzten Gebiet schließen läßt [112] .

Die vielfach zu findende kameradschaftliche Aufteilung gesandter Liebesgaben zwischen den Soldaten [113] mag ein beschränktes ausgleichendes Element gewesen sein, fehlten einem Soldaten die Geldmittel oder Angehörige, welche seine persönliche „Verpflegungsfrage“ besser hätten gestalten können. Inwieweit und in welchem Umfang diese gelebte Kameradschaft aber tatsächlich stattfand, muß unklar bleiben. Als Beispiel für eine eher unfreiwillige Aufteilung einer Liebesgabensendung sei an dieser Stelle aus einer Feldpostkorrespondenz zitiert:

„Das an Fritz gerichtete Paket mit Kuchen und [...] habe ich, hoffentlich in ihrem Einverständnis, in Empfang genommen. Bei dem Kohldampf war ich sehr dankbar dafür. Fritz wird wohl jetzt zu Hause sein?“ [114]

Eine weitere Variante der Liebesgabensendungen war die Partnerschaft zwischen Garnisonstädten und „ihren“ Verbänden [115] . Dabei wurden von Instanzen der Städte Geld oder Naturalien gesammelt und daraufhin an die entsprechende Einheit geschickt, wie es sich für die Partnerschaft zwischen der Stadt Hannover und dem Hannoverschen Füsilier- Regiment 73 nachweisen läßt [116] . An ein Bataillon des Regiments wurden im Winter 1916 600 Flaschen Rotwein und 60Kg Pastete überwiesen und kamen zur gleichmäßigen Verteilung an die einzelnen Kompanien.

 

Als Beispiel für die Ausstattung der Soldaten mit Verpflegung, hier die Aufstellung des Verpflegungsoffiziers des II/FR 73 vom 14.11.1916 [117] . Das Bataillon war zum zweitägigen Einsatz im St. Pierre Vaast Wald an der Somme vorgesehen. Neben zwei Eisernen Portionen [118] , die ausgehändigt wurden, empfing jeder Mann:

 

Brot 1500g
Frisches Fleisch 250g
Dauerfleisch 150g
Backobst 125g
Reis 80g
Kartoffeln 500g
Butter 55g
Marmelade 30g
Wurstkonserven 125g
Frische Wurst 75g
Dauerwurst 50g
Kaffee 45g
Zichorie 18g
Tee 2g
Zucker 50g
Salz 50g
Pfeffer 0,8g
Senf 5g
Branntwein 0,2l
Zigarren 4 St.
Zigaretten 4 St.
Tabak 60g

 

Da in der vorgesehenen Stellung kein Trinkwasser vorhanden war, kamen 1000 Flaschen Mineralwasser zur Ausgabe. Dazu noch 600 (!) Flaschen Rotwein und 65Kg (!) Pastete aus gesammelten Liebesgabenpaketen [119] sowie zum Kochen, 150 „Näpfe“ (Dosen) Hartspiritus. Diese wurden wie folgt auf die Teileinheiten des Bataillons verteilt:

 

  5.-8. Kompanie (je) 2. MGK San. Btl. Stab
Mineralwasser (Fl) 200 100 50 50
Rotwein (Fl) 140 25 10 5
Hartspiritus 25 10 30 (z.Res.) 10
Pastete (Kg) 15 4 0,5 0,5

 

 

Die Ungleichheiten, die aufgrund der verschiedenen Möglichkeiten der einzelnen Städte vorgelegen haben dürften, und die Unregelmäßigkeit solcher Liebesgabensendungen sind sicherlich zu bedenken. Damit ist die Qualität der „Truppenpartnerschaften“ als zusätzliche, dauerhafte und regelmäßige Versorgungseinrichtung eher gering zu erachten.

Zusätzlich zu den bis hierhin genannten Arten der Liebesgaben gab es eine wenigstens streckenweise zu belegende Versorgung der Truppe durch unbekannte Personen, die als Spender auftraten. Sendungen gingen von diesen an die Adresse eines Soldaten. Je nach Motivationsgrundlage konnten dies Kameraden eines Bekannten oder Verwandten oder auch Angehörige der eigenen Kirchengemeinde sein. Die Inhalte der Sendungen waren verschieden und enthielten sowohl als nützlich erachtete Gebrauchsgegenstände als auch Kleidung, Zeitungen, Zeitschriften, Zigaretten und sonstige Genuß- und Lebensmittel, die in der Regel wohl von einem Brief des Spenders begleitet wurden [120] . Inwieweit solche Sendungen regelmäßig eintrafen, läßt sich kaum sagen, in Einzelfällen ergaben sich daraus jedenfalls auch längere Kontakte mit mehrfachen Liebesgabensendungen [121] .

Wenn man die Bedeutung der Liebesgaben insgesamt beurteilen will, so wird man zu dem Schluß kommen müssen, daß sie eine essentielle Bereicherung der Verpflegung der Soldaten darstellten, sofern es Menschen in der Heimat gab, die regelmäßige Sendungen aufgaben und überhaupt Waren senden konnten, die der Soldat dringend brauchte und wünschte. Mit den zunehmenden Auswirkungen des Hungers in der Heimat und der Festsetzung eines Mindestverbrauchs an Lebensmitteln pro Kopf, der in der Regel schon der Norm nach deutlich unter dem für Soldaten im Feld angenommenen lag, wurde die Versorgung der Heimat durch im Feld stehende Angehörige überaus bedeutend [122] .

 

Marketendereien, Offizierheime und Soldatenheime

Laut den Kriegsstärkenachweisen sollte jede Feldeinheit in Bataillonsstärke über einen Marketender- Wagen verfügen, der zum Betrieb einer Marketenderei auf Rechnung des jeweiligen Truppenteils dienen sollte [123] . Dabei sollten „Esswaren, Getränke, Zigarren, Reinigungsmittel, Verbrauchsgegenstände usw.“ [124] , also ein sehr breites und nur vage definiertes Spektrum an Waren, angeboten werden. Die Möglichkeiten der Truppe, sich in der ersten Kriegszeit um den Aufbau eines eigenen Marketendereibetriebes zu kümmern, darf als relativ gering angesehen werden [125] , wurde aber besser, sobald man sich erst einmal im Stellungskrieg an einem Ort niedergelassen hatte und die Aussicht bestand, dort längere Zeit verweilen zu können. Bereits im September 1914 sah man sich von Seiten der Militärintendanturen dazu genötigt, zivilen Marketendereibetrieben, Stellvertreter eines gewissen „Händlerunwesens“ [126] , die sich aufgrund individueller Verträge zwischen Truppe und Zulieferer oder als Vertreter der amtlich akkreditierten Heereslieferanten im Etappengebiet niedergelassen hatten, einen Riegel insofern vorzuschieben, als daß nur noch militärisch geliefertes beziehungsweise auf dem Dienstweg angefordertes Gut verkauft werden sollte [127] . Diese Anlage der Truppenmarketendereien als verlängerter Arm der Zuteilung von nichtregulären Verpflegungselementen durch die Intendanturen scheint allerdings bis Januar 1917 kaum gegriffen zu haben. Statt dessen schloß die Truppe weiterhin Verträge mit Zivilunternehmen in Deutschland oder besorgte besondere Waren durch private Kontakte und Beziehungen zwischen einzelnen Soldaten und Herstellern beziehungsweise Lieferanten [128] . Einen bedeutenden Eingriff in die Warenvielfalt der Marketendereien und Soldatenheime stellte die Einschränkung des Angebotes im Januar 1917 dar. Der Verkauf von Speisefetten, Kaffee, Tee, Kakao, kondensierter Milch und bestimmte Arten harter Alkoholika wurde verboten [129] und so die Möglichkeit zur Ergänzung der kargen Portionen erheblich erschwert.

Die Abhängigkeit der Truppe von den händlerischen Qualitäten ihres Marketenders, „Kantiners“ und Verpflegungsoffiziers kann in diesem Zusammenhang festgehalten werden, und sie waren Grund für zum Teil deutliche Unterschiede in Hinsicht auf Warenvielfalt und –anzahl innerhalb der Truppenmarketendereien [130] und oft Ursache zu argwöhnischstem Mißtrauen der Soldaten gegenüber den Verantwortlichen innerhalb ihres Truppenteiles [131] .

Die Soldatenheime, quasi parallele Einrichtungen, aber zuerst nicht von der Truppe, sondern zivilen Organisationen und Etappeneinrichtungen [132] betreut, gab es nach Einsetzen des Stellungskrieges ebenfalls an vielen Orten im Operations- und Etappengebiet. Da sie, genauso wie die Offizierheime, von Grund auf zu weit mehr als nur der zusätzlichen Versorgung der Truppe beziehungsweise der Offiziere mit Lebensmitteln gedacht waren, soll an dieser Stelle nur ihre Existenz aufgezeigt und ihre näheren Charakteristiken in einem folgenden Abschnitt beschrieben werden [133] .

 

Selbstversorgung

Als Erweiterung der in den vorangegangenen Abschnitten genannten Verpflegungsmöglichkeiten, quasi als Folge der dort implizierten Mängel und damit auch in gewisser Weise als Fazit einer prekären Verpflegungslage der Truppe, muß die „Selbstversorgung“ ausdrücklich genannt sein. Herausragende Elemente einer Selbstversorgung sind dabei bereits charakterisiert worden: die Einrichtung der Truppenmarketenderei, die Liebesgaben und einige drastische Behelfslösungen in besonderen Notlagen an der Front.

Als Aspekt einer truppeninternen Verpflegungseinrichtung, die auf den verschiedenen Führungsebenen ebenso verschieden sein konnte, wie bei unterschiedlichen Einheiten, sei ergänzt, daß es zur Einrichtung von Tierhaltung und zur Bestellung von Feldern, Beeten und Äckern kam. „Die Kompanieziege“, Vieh, Kaninchen, Schweine und Hühner sind dabei genauso belegt, wie das Erdbeer- oder Kartoffelbeet in der Nähe der Bataillonsgefechtstände [134] . In Karikaturen zeitgenössischer Feldzeitungen ging man soweit, den Umzug eines Truppenteils damit besonders zu illustrieren, daß verschiedene Tiere, eine Kuh, ein Schwein und eine Katze, gezeigt wurden, die einen mit einem Ofen, Gestühl, Pfannen, Kesseln und verschiedenem anderen Hausrat bepackten Pferdewagen begleiten [135] .

karikatur2    Selbstversorgung Selbstversorgung

Quantität und Qualität dieser Einrichtungen als inoffizieller Teil des Truppenteils beziehungsweise seiner Verpflegung lassen sich nicht erfassen, aber dennoch zeigt es, daß wenigstens partiell ein Maß an Einsicht der Führung für die Belange der Truppe vorhanden war:

„Während des jetzigen Aufenthalts der Division in ruhiger Kampfgegend ist die Truppenverpflegung nicht mehr so reichlich, wie an der Flandernfront. Die Mannschaften sind hierüber von vornherein aufzuklären und zu belehren, daß dies im Interesse der in schwerem Kampfe stehenden Kameraden geschieht, wie sie es ja erst vor kurzem selbst an eigenem Leibe dankbar empfunden haben. Umsomehr verlange ich aber, daß durch sammeln und reichlichen Ankauf von Gemüse und anderen Zutaten eine wesentliche Verbesserung der Mannschaftskost erzielt wird.“ (12.ID, 26.8.1917.)

Dies als Banalität darzustellen und möglicherweise auf den Eigennutz des Einheitsführers zu verweisen, scheint nicht angemessen, da es verschiedene Belege auch dafür gibt, daß solche früher undenkbaren Eigeninitiativen durchaus geduldet, wenn nicht sogar unterstützt oder eingefordert wurden [136] . Belegbar ist dies unter anderem dadurch, daß bis zu einem gewissen Grad durchaus Toleranz geübt wurde, wenn das reglementierte Transportvolumen von Einheiten bei Bahntransporten überschritten wurde oder die Truppe offiziell um Zuteilung weiterer und überzähliger Transportmittel ersuchte [137] .

Als letzter Aspekt der Selbstversorgung der Truppe sei hier die Ergänzung der eigenen Portion aus Beständen des Feindes genannt. Dieser wohnte besonders im Jahre 1918 eine große Brisanz inne, als deutsche Soldaten während der Frühjahrsoffensiven zum Plündern feindlicher Vorräte kamen. Die Praxis, sich bei den Kämpfen durch gefundene, vorgefundene oder tatsächlich erbeutete Lebens- und Genußmittel zu bereichern, war den ganzen Krieg über verbreitet, hatte aber wohl erst 1918 eine grundlegende und essentielle Bedeutung- die auf die Psyche des Soldaten. Immerhin mußte jede Dose des begehrten britischen Corned- Beefs ganz allgemein einen Beweis für die immensen Vorräte an feindlichem Kriegsmaterial und die Armut des Deutschen Reiches liefern [138] . Wenn für die gelegentlich zu hörende Anekdote, der Feind habe mit voller Absicht, um den deutschen Vormarsch zu verzögern, Depots intakt gelassen und Verpflegungszüge auf das Schlachtfeld gefahren, keine Beweise aufzufinden sind, so bleibt die Beobachtung, daß deutsche Soldaten bereits gleich nach Einsetzen der Offensive zum Plündern übergingen, stellenweise besondere „Lebensmittel- Beute- Stoßtrupps“ ausgesandt wurden und sich der Vormarsch tatsächlich verzögerte [139] .

 



[1] Vollständiges Verzeichnis dieser Ämter und Bezirke in Friedag, B.: Führer durch Heer und Flotte. Elfter Jahrgang 1914, Berlin 1913 (Reprint Osnabrück 1974).

[3] Siehe United Staates war Office: The History Of Two Hundred And Fifty- One Divisions Of The German Army Which Participated In the War, 1920 (ND London 1989)

[4] Nach Nash, D. (Hg.): German Army Handbook, April 1918. Reprint London 1975, S. 10. Wesentlich detaillierter: Kaiserliches Statistisches Amt: Vierteljahreshefte zur Statistik des Deutschen Reiches, 23.Jg. IV/1914, Berlin 1914, S. 24f.

[5] Die Differenz zwischen der Summe der Eingeteilten (aktiv, Reserve usw.) und der Gesamtzahl der in der Spalte „Wehrdienst“ verzeichneten, ergibt sich aus den freiwilligen Meldungen (Mehrjährig- Freiwillige, Kapitulanten) und den zur Marine abgestellten Wehrpflichtigen.

[6] 83% im Jahre 1911 laut Reichsarchiv: Kriegsrüstung und Kriegswirtschaft I, Berlin 1930, S. 122.

[7] Die Kosten für die Grundausstattung an militärischer Bekleidung beliefen sich für Hatje auf 69,70RM.

[8] Nähere Hinweise darauf bieten die verschiedenen Dienstunterrichts- Bücher im Spektrum von „Das kleine Buch vom Deutschen Heere“ bis zu denen der speziellen Dienstzweige.

[9] Die Angaben in den Klammern beziehen sich auf den Korpsbereich, bzw. die Kontingentszugehörigkeit der Schule. Siehe hierzu die Abbildung auf Seite 4.

[10] Dito.

[11] Alle Zahlenangaben zu diesem Sachverhalt nach Lahne, W.: Unteroffiziere. Werden, Wesen und Wirken eines Berufsstandes, München 1965. Hier S. 367.

[12] Altrichter, F.: Die Seelenkräfte des Deutschen Heeres, Berlin 1933, S. 213f.

[13] Kleines Buch vom dt. Heere, S. 96.

[14] Nach Friedag: Heer und Flotte 1914, S. 57.

[15] Siehe: Lahne, W.: Unteroffiziere, S. 252. Mit Masse erst in den letzten beiden Kriegsjahren.

[16] Dabei nicht eingeschlossen: 2483 Sanitäts- , 856 Veterinäroffiziere und 1593 Zahlmeister. Das Offizierkorps bestand aus 438 Generalen, 721 Regimentskommandeuren (u.ä.), 3274 Stabsoffizieren als Bataillonskommandeuren (u.ä.), 8184 Hauptleuten und Rittmeistern sowie 17420 (Ober-) Leutnants. Zitiert nach Friedag: Heer und Flotte 1914, S. 24.

[17] Es befinden sich mehrer solcher Handprüfungslisten eines ehemaligen Lehrers der Kriegsschule Kassel im Besitz des Verfassers. Bei den Absolventen 1908 handelt es sich mit Masse um spätere Leutnants von 1914.

[18] Wie die Zusammenzählung und Gewichtung der Einzelnoten in bezug auf die Gesamtpunktzahl ablief, entzieht sich der Kenntnis des Verfassers.

[18] Nach Demeter, Karl: Das Deutsche Offizierkorps on Gesellschaft und Staat 1650- 1945, Frankfurt a/M 1964, S. 26. Das Buch ist äußerst empfehlenswert!

[20] Überspitzt dargestellt findet man diesen Komplex im Film „Blue Max“, in dem der kleinbürgerliche Leutnant versucht, in die adelige und großbürgerliche Elite der Jagdflieger aufgenommen zu werden.

[21] Denen der Rang als Generalmajor verliehen ist.

[22] Die das Offizier- Seitengewehr tragen.

[23] Spielleute je nach verliehenem Dienstgrad, der nicht durch die übliche Dienstgradbezeichnung angezeigt wird.

[24] Das kleine Buch von deutschen Heere, Reprint der Ausgabe 1901 sowie German Army Handbook, April 1918.

[25] So bei der Stelle des „Offizierstellvertreters“ oder Beförderungen außer der Reihe; bspw. zum außeretatsmäßigen Gefreiten wegen Tapferkeit vor dem Feinde. Quelle für diese Veränderungen ist vor allem das Armee- Verordnungsblatt. Siehe auch Fischbacher: Die Kriegsgebührnisse des Heeres, Berlin 1916.

[26] Hierbei handelt es sich nicht um einen Dienstgrad, sondern eine Dienststellung.

[27] Sehr verschiedene, wechselnde Bestimmungen. Zum Teil verbunden mit außerordentlichen Beweisen persönlicher Tapferkeit. Zu Beginn des Krieges wurden vor allem ehemalige aktive Unteroffiziere (Vizefeldwebel/ Feldwebel) als Feldwebelleutnants reaktiviert, um in Neuformationen Offizierstellen zu besetzen.

[28] Bei Jünger zeigt sich eine zweite Variante der Zulassung zur Beförderung zum "Kriegsleutnant". So war es möglich sich bei der heimatlichen Ersatzkommission selbst um die Zulassung als Offizier- Aspirant zu bewerben, wenn die grundlegenden Formalia (wie oben beschrieben- bes. Hochschulreife) vorhanden waren. Es ist anzunehmen, dass hierbei noch die Bestätigung/ Zustimmung des Truppenteils eingeholt werden musste.

[29] Bund deutscher Offiziere: Ehrenrangliste des deutschen Offizierkorps, aufgrund der Rangliste 1914 unter Berücksichtigung der eingetretenen Veränderungen, Berlin 1925 (Reprint: Osnabrück 1990).

[30] Nach German Army Handbook, April 1918, S. 21.

[31] Das Schriftstück stammt vom Juli 1917 und befindet sich im Besitz des Verfassers.

[32] Siehe Altrichter, F.: Die seelischen Kräfte des Deutschen Heeres, Berlin 1933, S. 217.

[33] Wie im April 1917 mitgeteilt wurde, hatten Feldwebel- Leutnants sehr wohl das Recht dazu, die Praxis scheint demnach aber anders ausgesehen zu haben. Siehe Lahne, W.: Unteroffiziere. Werden, Wesen und Wirken eines Berufsstandes, München 1965, S. 351.

[34] Zu bedenken ist weiterhin der materielle Faktor, der Offizierstellvertreter und Feldwebelleutnants finanziell deutlich schlechter stellte als die Leutnants und sonstigen Offiziere.

[35] Beförderungen scheinen aber auch ohne diese höchste Auszeichnung möglich gewesen zu sein- so waren von den 150 ehemaligen Unteroffizierschülern „nur“ 139 Träger des Goldenden Militär- Verdienstkreuzes. Evtl. handelt es sich um Beförderungen vor 1916/17, als erst mit der Verleihung des Kreuzes begonnen wurde.

[36] Zahlen nach Lahne: Unteroffiziere. Die Zahl 210 soll hierbei Gesamtzahl sein, wobei 150 preußische Unteroffizierschüler und 91 beförderte bayerische Unteroffiziere eine höhere implizieren.

[37] Unteroffiziere als Gehaltsempfänger waren als Ausnahmen die Sergeanten und Feldwebel in speziellen Verwendungen, so bspw. Zeugfeldwebel und Wallmeister.

[38] Siehe Michael, S. 82.

[39] Hergemöller: Karl Pietz (s. Anm. 169), Eintrag vom 8.11.1917, S. 92 („Liebesmahl“ im Offizierkasino an der Ostfront).

[40] S. Anm. 117.

[41] Siehe auch Abschnitt 6.2.4., S. 54f. der vorliegenden Arbeit mit der Preistabelle einer „Teestube“ für Soldaten, in der ein Wurstbutterbrot mit 15 Pfg. veranschlagt ist. Demnach ein einiges Butterbrot für fast 1/3 der Mannschafts- Tageslöhnung!

[42] Siehe Ludendorff, Erich (Hg.): Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit 1916/18, Berlin 1920, S. 143f. und S. 153ff. Sämtliche Schreiben stammen aus dem Jahr 1918 beinhalten den Wunsch nach Erhöhung der militärischen Besoldung und der Verbesserung der Stellung der Soldatenfamilien in Deutschland.

[43] Wie gering die direkten Auswirkungen waren, mag die Erhöhung der Löhnung des Gemeinen auf 70 und die des Gefreiten auf 75 Pfennig illustrieren, da die Preissteigerung in Reich

[44] Ludendorff: Urkunden (s. Anm. 188), S. 144: Schreiben an den Kriegsminister vom 9.1.1918.

[45] Treffende Beispiele für die Idee und die spätere Bestätigung dafür, daß es einem als Offizieraspirant besser gehen würde und man deshalb seinen militärischen Aufstieg nach Möglichkeiten forcieren sollte, bieten die Aufzeichnungen von Leutnant Teutloff (a.a.O.) und bei Hergemöller: Karl Pietz (a.a.O.).

[46] Bei den Autoren der im Rahmen dieser Arbeit genannten „Kriegserlebnisse“ ist dies leicht nachzuweisen, wenn keiner von ihnen den Krieg mit dem Dienstgrad beendete, mit dem er begonnen wurde; so bspw. Hans Zöberlein, der in zwei Kriegsjahren vom Musketier zum Vizefeldwebel befördert wurde.

[47] Siehe dazu Hobohm, Martin: Soziale Heeresmißstände im Ersten Weltkrieg, in Wette (a.a.O.), S. 136f.

[48] Das Zeugnis der „Reife zum Einjährig- Freiwilligen- Dienst“ oder das Abitur.

[49] Brief des Musketiers Fritz Niehoff an seine Schwester vom 11.12.1915; Korrespondenz der Gertrud Niehoff, im Besitz des Verfassers der vorliegenden Arbeit.

[50] Ebenda, Brief vom 21.7.1916.

[51] Wie bei Wandt deutlich ersichtlich.

[52] Siehe den Typus des „Leutnant Eger“ bei Renn, S. 151f. und 171f.; siehe auch Ebenda, S. 252f.

[53] Siehe Mützel, Anton (Hg.): 22 Monate vor Arras. Ernste und heitere Erinnerungen, Diessen vor München 1917, S. 122; als Variante bei Ulrich/ Ziemann: Frontalltag, S. 129, Nr. 32d. Daß Löhnung nur den „Sold“ für Mannschaften und Unteroffiziere einschließt, während der für Offiziere gebrauchte Begriff „Gehalt“ ist, läßt nach Meinung des Verfassers dieser Arbeit auf eine deutliche Unwissenheit des Soldaten schließen; andernfalls wäre die Interpretation dieses Reimes, der dann nur als Kritik am Unteroffizierkorps zu verstehen wäre, seit Dezennien fehlerhaft.

Zur Bedeutung der Besoldung siehe Abschnitt 5, S. 34ff.

[54] Siehe Fasse Alexander (Bearb.): Die Briefe des Adolf Storck 1914- 1918, in Egodokumente (s. Anm. 16),  Nr. VI.b., S. 17: „So arm habe ich mir das reiche Frankreich nicht vorgestellt, hier ist für Geld nicht[s], rein gar nichts zu bekommen. Auch nicht das allergeringste an Lebensmitteln, man ist hier auf Kaffee, trockenes Kommisbrot & dicke Graupen angewiesen“.

[55] Siehe D.V.E. Nr. 43a: Vorschrift für die Verwaltung der Truppenküchen (Kch.V.), Berlin 1913, S. 1. (Weiterhin zitiert als Kch.V.)

[56] Kch.V., S. 1.

[57] Ebenda, S. 22f.

[58] Ebenda, S. 56ff. Auf den folgenden Seiten sind die einzelnen Speisen näher Erläutert und die Lebensmittelmengen je Soldat angegeben. Dabei fällt die Anzahl verschiedener Gerichte, Suppen, Fleisch- und Fischsspeisen, „Tunken“ und Salate, als positiv zu bewertende Vielseitigkeit auf.

[59] Ebenda, S. 10.

[60] Siehe Michael, S. 7. Geschildert wird ein unkontrollierter „Angriff“ der Rekruten auf einen Brötchenwagen: „Gewöhnlich bekam nur ein Drittel der Weckenhungrigen seinen Bedarf an knusprigen Dingern. Die anderen zwei Drittel bekamen nichts“; vgl. Hartung, Wilhelm: Großkampf, Männer und Granaten! Wiesbaden 1930, S. 29.

[61] Dazu Immanuel, Friedrich (Bearb.): Lehnerts Handbuch für den Truppenführer. Für Feldgebrauch, Felddienst, Herbstübungen, Übungsritte, Kriegsspiel, taktische Arbeiten, Unterricht, Vorbereitung zu Prüfungen, Berlin 1914, Nr. 345, S. 147f.

[62] Siehe Lau (a.a.O.), S. 21f.

[63] Ebenda, S. 66f.; siehe auch Anm. 117.

[64] Siehe Diverse: Geschichte des 4. Hannoverschen Infanterie- Regiments Nr. 164 und seines Stammtruppenteils des 2. Königlich Hannoverschen Regiments, o.O. o.J., S. 72f.; siehe auch F.O. (s. Anm. 83), Nr. 467, S. 135.

[65] Zur Zusammensetzung für die erste Kriegszeit siehe Immanuel (s. Anm. 112), S. 140.

[66] Siehe Lau, S. 64f.; Remarque (a.a.O.; S. 7) berichtet von der Aufbesserung der Rauchwarenmenge durch Tausch mit nichtrauchenden Kameraden. Dabei wird ein Auskommen mit 40 Zigaretten je Tag als möglich beschieben: „Damit langt man schon einen Tag“.

[67] Siehe Dieudonné/ u.a. (Hg.): Taschenbuch des Feldarztes, Teil 2, München 21914, S. 140f. und  Hartung (s. Anm. 111), S. 167.

[68] Siehe Lau, S. 62. Die Tagesmenge betrug bis März 1917 0,01l Branntwein, dann 0,05l.

[69] Immanuel (a.a.O.), Nr. 344, S. 146.

[70] Ebenda, siehe auch F.O. (a.a.O.) Nr. 454, S. 129.

[71] So belegt durch Divisions- Tagesbefehl der 2. Garde- Reserve- Division, Abt. II J.Nr. 106 vom 18.8.1914, Ziff. 2 u. 3; im Besitz des Verfassers der vorliegenden Arbeit. Siehe auch Michael, S. 16.

[72] Schreiben Ia B.Nr. 448 des Generalkommandos XXXIX.RK vom 16.01.1915. Befindet sich in Besitz des Verfassers.

[73] Darunter subsumiert ist die Versorgung der Soldaten durch die Quartierwirte im Feindesland, siehe F.O. Nr. 461, S. 133 und Immanuel, Nr. 343, S. 145.

[74] F.O. Nr. 472, S. 137f. In der Zeit des Vormarsches 1914 wurde aus naheliegendem Grund mehrmals an diese Notwendigkeit erinnert, so bspw. im Korps- Tagesbefehl des X. Reserve- Korps vom 18.8.1914, Ziff. 1; im Besitz des Verfassers der vorliegenden Arbeit.

[75] DivBef. 12.I.D. Abt.II I.Nr. 106. Befindet sich im Besitz des Verfassers.

[76] Siehe bspw. Wandt, S. 18.

[77] Diese Art der Beitreibung ist kaum in den verschiedenen „Kriegserlebnissen“ beschrieben. Dennoch zeigen zahlreiche Bildquellen mit Abbildung von Unterständen an der Westfront bereits im Winter 1914/15 Gegenstände, die nicht auf legalem Wege herbeigeschafft worden sein können. So komplette Küchenzeilen mit Geschirr, Wandbilder, Teppiche und dergleichen mehr. Siehe dazu auch Hartung (s. Anm. 111), S. 76f.

[78] Siehe Ulrich/ Ziemann: Frontalltag, S. 127, Nr. 32a.

[79] Hartung (a.a.O.), S. 368f. Die Menagekommission wird nur in einem weiteren „Kriegserlebnis“ beschrieben, dort allerdings als Zwang innerhalb der Kompanien. Es fehlt dafür allerdings jegliche normative Bestätigungsgrundlage. Ansonsten dürfte dieser Aspekt zweifelsfrei als eklatanter Heeresmißstand gekennzeichnet werden können; siehe Heider (s. Anm. 52), S. 168.

[80] Jünger, S. 205.

[81] Lau, S. 46ff. Das Eingreifen war vor allem von der jeweiligen Lebensmittelsorte abhängig, was den Schluß nahe legen muß, daß es sich nicht primär um das Erkennen eines eklatanten Mißstandes, sondern um Folgen der einsetzenden Lebensmittelbewirtschaftung bzw. –knappheit handelte: „Daß eine gleichartige Abfindung aller Soldaten zur Brotvergeudung an einzelnen Stellen führen mußte, war auch in der Truppe frühzeitig anerkannt“; ebenda, S. 47.

[82] Ebenda, S. 46f. Für alle anderen Sorten der Kriegsportion sind dementsprechende Veränderungen festzustellen.

[83] Lau, K.: Die Heeresverpflegung, in: Schwarte, M. (Hg.): Der Weltkampf um Ehre und Recht, Bd.7, Leipzig/ Berlin o.J., S. 96.

[84] Erhöhung möglich durch außerordentliche Order der AOKs, Zulagen für Spezialisten oder Soldaten in besonders anstrengender Tätigkeit. So für Gebirgssoldaten 1000g und für Flieger und Beobachter 833g.

[85] Die Verteilung von Fisch steigerte sich bis zum Ende des Krieges, als es möglich war in der Ostsee zu fangen. Insgesamt war sie aber eher unbedeutend und nur selten.

[86] Auf eine Zuckerzuteilung verzichtete Mann, obwohl seine Bedeutung gerade auch aus medizinischer Sicht klar erkannt war. So wurde Zucker nur zu den Kakaosätzen der Lazarette ausgegeben oder als Sonderzulage gewährt.

[87] Bayrisches Bier nur an bayerische Truppen. Da man die Bedeutung des Biers als "unerlässliches" Genußmittel der Truppe 1916 erkannt hatte, wurde daraufhin extra zur Regelung der Heeresversorgung eine Biereinkaufszentrale der Heeresverwaltung geschaffen. Die Bierzuteilung lag dabei anfänglich bei 6 Liter im Monat pro Kopf, litt aber in der Folgezeit unter der Gersteknappheit und war zeitweilig kurz davor, eingestellt zu werden. Einheiten, die bestehende Privatverträge mit Brauereinen jetzt zu stornieren hatten, konnten demzufolge schlechter gestellt sein, als zuvor.

[88] F.O., Nr. 468, S. 135.

[89] Siehe Lau, S. 48.

[90] Ebenda, S. 62.

[91] Siehe Hartung, S. 118f.

[92] Ebenda, S. 64f.

[93] Ebenda, S. 64.

[94] Seldte: M.G.K. (a.a.O.), S. 40 (Ein reichliches Frühstück als unabdingbare Friedensgewohnheit der Reserveoffiziere); siehe auch Hesse, Kurt: Der Patrouillengänger und andere Erlebnisse aus dem Großen Kriege, Berlin/ Leipzig/ Stuttgart 4o.J., S. 131.

[95] Jünger, S.153. Für den Bereich der Alkoholika an der Front und dessen Bedeutung bietet Jünger vielfältigste Beispiele, wobei sich hier der Eindruck eines ständigen Konsums in allen Lagen vertieft; siehe bspw. S. 177 (als „Seelentröster“ und Beruhigungsmittel), S. 181 (zur Begrüßung unter „alten“ Soldaten), S. 184 (als Zeichen allgemeiner Verbundenheit zwischen Soldaten), S. 203 (als allgemeines Stärkungsmittel). Siehe auch Grabenhorst, Georg: Fahnenjunker Volkenborn, Leipzig 1928,  S. 113, Hartung, S. 310., Renn (s. Anm. 139), S. 152.

[96] Hartung, S. 166f. Hartungs Einschätzung der „ersten Kriegsjahre“ dürfte sich auf Hörensagen beziehen, da er selbst erst im Winter 1914/15 Soldat wurde.

[97] Notenwechsel zwischen dem Kommandeur des Reserve- Infanterie- Regiments Nr. 3 und dem Kommandeur des Infanterie- Regiments Nr. 62 vom 13. Februar 1917; aus dem Nachlaß des Oberst Richard Sibeth, im Besitz des Verfassers der vorliegenden Arbeit. Es handelt sich um eine eher privat gehaltene Korrespondenz, die in dieser Form  nicht in die Kriegstagebücher der Einheiten Eingang fand. Diese Verfahrensweise mit unrühmlichen Gegebenheiten darf allgemein unterstellt werden und bietet eine Erklärung für den Mangel an solchen Dokumenten; gleiches gilt im übrigen auch für Listen mit den Namen „unzuverlässiger Leute“ und privat gehaltene sonstige Mitteilungen über Interna der Einheiten.

[98] Bspw. bei Grabenhorst (s. Anm. 139), S. 170f.; Remarque, S. 11. oder Heider (a.a.O.),

S. 167.

[99] Nach Wandt schon der Einsatz an einer Bahnverladestation, der geradezu zur Selbstbedienung an Heeresmaterial und –verpflegung einlud; siehe Wandt, S. 116f. („Der Sauzahn“) und S. 104 („Der Schinkenkarl“).

[100] Siehe auch das Zitat Rudolf Bindings vom August 1915 in Johann, Ernst (Hg.): Innenansicht eines Krieges. Deutsche Dokumente 1914- 1918, Frankfurt am Main / Wien/ Zürich 1968, S. 139 und Hesse (s. Anm. 138), S. 132.

[101] Hartung, S. 402 und Renn (a.a.O.), S. 211 (Plündern eigener Toter auf der Suche nach brauchbarer Bekleidung); siehe dazu auch Anm. 245.

[102] Hartung, S. 372.

[103] Ebenda.

[104] Ebenda, S. 402.

[105] Siehe Bloem: Vormarsch (s. Anm. 96), S. 65. Bei Michael ist dazu zu lesen: „Dem Jungen, der mein Gewehr getragen hatte, schenkte ich meine Schnürstiefel [!], für die ich vor lauter anderem Kram keinen Platz mehr hatte“; siehe auch Michael, S. 15.

[106] Als eines unter unzähligen Beispielen siehe Schulze, Ida: Lebensmittel in Dosen fürs Feld, in Daheim, 51.Jg. Nr. 13 vom 26. Dezember 1914, S. 30.

[107] Dazu Kriegs- Ernährungsamt (Hg.): Die Kriegsernährungswirtschaft 1917, Leipzig 1917, S. 11.

[108] Siehe Dombrowski, Erich: Deutschlands wirtschaftliche und soziale Organisation während des zweiten Kriegshalbjahres, in Baer, Ch. (Hg.): Der Völkerkrieg. Eine Chronik der Ereignisse seit dem 1. Juli 1914, Bd. 7, Stuttgart 1916, S. 33ff.

[109] Fasse: Briefe des Adolf Storck (s. Anm. 105), Nr. XII., S. 20.

[110] Ebenda, vgl. Nr. V. und Nr. XVII.f.

[111] besonders Butter und Käse wurden im Laufe des Krieges immer seltener und waren letztendlich auch nicht mehr üblicher Bestandteil der Kriegsportionen; siehe Lau, S. 61.

[112] Siehe Höcker, Oscar: Liller Kriegszeitung, Sommerlese 1917 (Bd. 5 der Auslesen aus der Liller Kriegszeitung), Lille 1917, S. 20, Abb.: „Heimkehrender Krieger“; siehe auch Hesse (a.a.O.), S. 158.

[113] Siehe bspw. Hartung, S. 281.

[114] Aus der Feldpostkorrespondenz der Gertrud Niehoff; im Besitz des Verfassers der vorliegenden Arbeit. Bei „Fritz“ handelt es sich um den Bruder Gertrud Niehoffs.

[115] Siehe Die Wochenschau, Kriegsnummer 29 vom 17.7.1915, S. 925: Aufruf des Delegierten des Kaiserlichen Kommissars und Militär- Inspektors der freiwilligen Krankenpflege: Gedenket unserer tapferen, besonders der nicht beachteten Soldaten im Felde.

[116] Verteilungsplan gespendeter Liebesgaben vom November 1916; aus dem Nachlaß des Oberst Richard Sibeth (s. Anm. 141).

[117] Die handschriftliche Vollzugsmeldung der Ausgabe befindet sich im Besitz des Verfassers.

[118] Das I/ und III/73 verteilten drei Eiserne Portionen, da sie zum Angriff gegen den Wald vorgesehen waren und auf vielleicht dreitägigen Einsatz in der ersten Linie vorbereitet sein sollten.

[119] Man bedenke, dass es sich hier um Liebesgaben größeren Umfanges handelt, die knapp vor Einbruch des sogenannten „Rüben“- oder „Hungerwinters“ zusammenkamen. Zu diesem Zeitpunkt war in der Heimat bereits eine deutliche Preissteigerung für Nahrungsmittel und Heizgüter zu verzeichnen.

[120] Dazu Fasse, Alexander (Bearb.): Dankeskarten an Dekan Bauer, in Egodokumente (a.a.O.), S. 38- 41. Weitere Belege liegen in Form einer Feldpostkorrespondenz zwischen einer solchen „anonymen“ Spenderin, Gertrud Niehoff (s. Anm. 158), und den Empfängern ihrer Liebesgabensendungen vor.

[121] Dies ist anhand der Korrespondenzen des Dekan Bauer (s. Anm. 161) und der Gertrud Niehoff (a.a.O.) nachweisbar. Letztere lernte einen Empfänger ihrer Sendungen später auch persönlich kennen, was zu einer kleinen Romanze –mit unbekanntem Ausgang- führte. Siehe auch Hartung, S. 281.

[122] Siehe auch Heider, S. 180.

[123] Siehe Immanuel, Nr. 345, S. 147.

[124] Ebenda.

[125] Es fehlen dementsprechend Hinweise auf Markentereibetriebe im Bewegungskrieg.

[126] Siehe Lau, S. 66; Hartung, S. 67: „Man darf sich bei der Beurteilung des Ganzen nicht durch häßliche Züge des Etappenlebens trüben lassen, wie sie sich besonders in der Hauptstadt Brüssel zeigten; dort siedelten sich aus allen Nationen Schmarotzer an, die aus dem Krieg Nutzen ziehen wollten“.

[127] Siehe Lau, S. 66.

[128] Ein Beispiel dafür, daß dies auch nach den strikteren Regelungen von 1916 noch üblich war, bietet Hergemöller, Bernd- Ulrich (Hg.): Karl Pietz (1886- 1986). Kriegsnotizbuch, 5. Mai 1915 bis 21. November 1918. Aufzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg, Hamburg 1999, S. 67, Eintrag vom 24. 1.1917: „Tagsüber Dienst. Abends 4.000 Dosen Erdal [Schuhpflegemittel] verkauft an Kantiner Bernhardt II/ 131 (für M 700.-)“. Pietz arbeitete vor dem Krieg bei Erdal und hatte offensichtlich gute Beziehungen, ein hohes Maß an Kreditwürdigkeit oder ein erhebliches Quantum an verfügbarem Geld, was er hier für die Anschaffung von Marketenderware nutzen konnte.

[129] Siehe Lau, S. 67.

[130] Ebenda.

[131] Siehe Heider, S. 171.

[132] So von Ortskommandanten unter Hilfestellung durch die Etappenintendanturen.

[133] Siehe Abschnitt 6.2.5., S. 55ff. der vorliegenden Arbeit.

[134] Siehe Hesse, Kurt: Mein Hauptmann, Berlin 1938, S. 195. Mit der Königlich Sächsischen 23. Reserve- Division in der Champagne und Pikardie, an der Somme und im Artois, München 1918, S. 120 (Weiterhin zitiert als Bildband 23. R.D.). Siehe auch Kriegstagebuch Teutloff (s. Anm. 36), Eintrag vom 1.5.1916.

[135] Siehe Der Schützengraben, 2. Jg. Nr. 29 vom 12. November 1916, S. 215f.: Lustige Bilder aus dem Felde von E. Haase.

[136] Verschiedene Papiere aus dem Nachlaß des Oberst Sibeth verweisen darauf, daß bis hinauf zum Divisionskommandeur (12. Infanterie- Division; v. Lequis) mehrfach an den Geist zur „Eigeninitiative“ der Truppe appelliert wurde, um die Versorgungslage der Soldaten zu bessern.

[137] Es wurde aber scheinbar versucht, diese Überkapazitäten so gering wie möglich zu halten, wobei es sich ausdrücklich auch nur um den offiziellen Weg der Beschaffung von zusätzlichen Wagen zu Transport „überzähligen Materials“ handelte; dazu Armee- Oberkommando 1, IIa Nr. 13153: Armee- Tagesbefehl Nr. 31 vom 3. November 1916; befindet sich im Besitz des Verfassers der vorliegenden Arbeit.

[138] Besonders deutlich bei Hartung, S. 492f.

[139] Siehe Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen 1914- 1918, Berlin 41919, S. 482 und Deist, Wilhelm: Verdeckter Militärstreik im Kriegsjahr 1918? In Wette (a.a.O.), S. 154.